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Die Blechspielzeugfabrik Ottmar Beckh KG

Heftausgabe Oktober 2019

Der eine oder andere Mögeldorfer, der wie ich in den 60er Jahren in die Thusneldaschule gegangen ist, ist mit unterschiedlichen Blechspielzeugen aus Mögeldorfer Produktionen in Berührung gekommen. So kann ich mich erinnern, dass ich – es war wohl in der dritten Klasse zu Weihnachten 1964 – von der Firma Einfalt ein Blech-Eishockeyspiel geschenkt bekam. Die ganze Klasse wurde mit unterschiedlichen Blechspielzeugen beschenkt, weil Georg Einfalt unser Mitschüler war. Die Marke Technofix, bei der es auch Blechautobahnen gab, ist dem einen oder anderen wohl noch in Erinnerung. Mit den Blechfiguren, Menschen und Tiere, der Fa. Rebhan in der Freiligrathstraße bin ich nicht in Berührung gekommen, wohl aber mit dem Farbkasten, womit ich mich in großflächigen kindlichen Aquarellen versucht habe. Eine weitere bekannte Blechspielwarenfabrik in Mögeldorf war die Fa. Ottmar Beckh KG in der Marthastraße, deren Fabrikationsgebäude zum Teil noch heute stehen. Ich habe sie als Jugendlicher nicht wahrgenommen, da ich ein „Märkliner“ war, H0, elektrisch.

  

Zu dieser spannenden Geschichte aus der jüngeren Mögeldorfer Vergangenheit soll heute Dieter Beckh, Sohn des Firmeninhabers Ottmar Beckh, zu Wort kommen1. Herr Dieter Beckh, Jahrgang 1941, der als Diplom-Ingenieur bei der Fa. Siemens tätig war, widmet seit seiner Rückkehr nach Nürnberg im Jahr 2007 seine ganze Liebe und Begeisterung nicht nur der Erforschung der Firmengeschichte und der Sammlung der Produkte seines Vaters, sondern sein Interesse gilt Blechspielzeug ganz generell. Seine besondere Freude ist, seine Schmuckstücke zu präsentieren und für Kinder anschaulich und bespielbar zu machen: Hand anlegen, die haptische Erfahrung und nicht nur die Imagination im Internet. „Kinder sollen wissen, was Blechspielzeug ist“. Zu unserer Freude dürfen die Mögeldorfer Kinder (und ihre Eltern und Großeltern!) am 23. und 24.11.2019 im Pfarrsaal St. Karl in der Ostendstraße 172 davon profitieren. 

  

Seine Präsentationen greifen weit über Nürnberg hinaus. Er ist seit 2010 regelmäßig im ersten Quartal eines Jahres Aussteller bei den stets gut besuchten Vorführungen von
Tischeisenbahnen im Unimog-Museum im badischen Gaggenau. Der Kontakt zu Sammlern ist ihm sehr wichtig. Schon sieben Vorträge hat er bei den jährlichen Sammlertreffen "Tinplate-Forum" (Themenstellung: Alte Spielzeugeisenbahnen sowie anderes Blechspielzeug) gehalten. 2018 konnten die Kinder in Zirndorf eine Doppelacht-Autobahn der Marke Technofix bewundern, wie sie auch im November zu sehen sein wird. Mit stiller Freude hört er, wenn die Eltern bzw. Großeltern bei den Vorführungen ausrufen: „Damit habe ich früher auch gespielt“. Er ist Mitorganisator der Ausstellungen „Nürnberger Blechbahnen in Bewegung“ im Industriemuseum Lauf. Weiterhin ist er engagiertes Mitglied im Verein Historisches Technisches Spielzeug e.V.

 

Die Präsentationen werden durch seine breite Sammlungstätigkeit möglich. Diese umfasst auch Objekte u.a. der Nürnberger und Fürther Firmen Bub, Distler, Dressler, Wimmer, Keim und Einfalt (Marke Technofix). Sie umfaßt Uhrwerkbahnen, elektrische Bahnen, auch weiteres Blechspielzeug, aber kein Plastikspielzeug oder Digitalbahnen. Seine Sammlung von Eisenbahnen betrachtet er als weitgehend abgeschlossen, da die Nachkriegszeit nahezu vollständig vorhanden ist, die Vorkriegszeit mit zeitbedingten Lücken.

 

Neben den Präsentationen ist es ihm wichtig, seine Recherchen und sein Wissen zu dokumentieren und zu veröffentlichen. In der Zeitschrift „Altes Spielzeug“ hat er schon gut ein Dutzend Artikel veröffentlicht.

 

Selbst ist er in die Firma des Vaters nicht eingetreten. Auf den Messen war Dieter
Beckh als Schüler und Student dabei. Ihn erfüllte mit Freude, wenn die Konkurrenten feststellten, dass die Fa. Beckh bei den Neuheiten wieder einmal die Nase vorne hatte. Die Veränderungen auf dem Markt hat er bewusst erlebt, so etwa die Umstellung auf Kunststoff und wie in den 1970er Jahren traditionsreiche Spielzeugfirmen, eine nach der anderen, die Produktion einstellten.

 

Aber nun zur Firmengeschichte der Ottmar Beckh KG. Die Familie Beckh wird im 16. Jahrhundert in der Grafschaft Öttingen erstmals greifbar. Mit wenigen Ausnahmen waren ihre Mitglieder selbständig tätig, von Mühlenbesitzern und Gastwirten über Apotheker, Rechtsanwälte, Mediziner bis zu mittelständischen Unternehmern. Sein Großvater war Teilhaber einer Maschinenfabrik in Wöhrd, in der die beiden älteren Söhne bereits tätig waren. Sie wurde 1943 bei einem Luftangriff zerstört.

 

Sein Vater gründete mit Gesellschaftsvertrag vom 11.11.1938 die Ottmar Beckh KG mit dem Ziel, den Geschäftsbetrieb der Fa. Adolf Schuhmann zu übernehmen2. Geschäftsführer und persönlich haftender Gesellschafter war Ottmar Beckh, Kommanditisten waren seine beiden älteren Brüder. Ottmar Beckh wurde 1906 geboren. Er machte nach dem Abitur eine Ausbildung für das graphische Gewerbe, absolvierte kaufmännische Kurse, arbeitete in Druck-ereien, zuletzt als Betriebsleiter mit Prokura. Nun wollte er sich selbständig machen.

 

Ottmar Beckh kaufte am 28.11.2938 den Geschäftsbetrieb samt Maschinen, Werkzeugen, Inventar und Vorräten, nicht jedoch Grundstück und Gebäude, der 1905 gegründeten Fa. Adolf Schuhmann in Gostenhof, Schreyerstraße 5. Inhaber waren Adolf Schuhmann und sein Neffe Alfred Gottlieb; sie waren jüdisch und durch das NS-Regime zum Verkauf gezwungen. Adolf Schuhmann starb 1939, seine Witwe, seine Kinder und Alfred Gottlieb mit Familie emigrierten in die USA.

 

Schuhmann fertigte 1938 ein umfangreiches Sortiment an Eisenbahnen, vor allem Uhrwerkbahnen Spur 0 und Zubehör. Das erste Beckh-Sortiment ist weitgehend identisch mit dem letzten Schuhmann-Sortiment. Durch die Notwendigkeit, den ersten Beckh-Katalog rechtzeitig zur Leipziger Frühjahrsmesse 1939 fertig zu stellen, schieden umfangreiche Umstellungen im Sortiment aus, ebenso eigene Entwicklungen. Nach Kriegsbeginn wurden zusätzlich Teile für die Rüstungsindustrie gefertigt. Im August 1943 wurde der Betrieb durch Bomben zerstört und als kriegswichtig nach Oberkotzau in Oberfranken verlegt.

 

Nach Kriegsende wurde aus dem vorhandenen Material zunächst „alles Mögliche“ hergestellt, u.a. Küchengeräte und Blechteller. Noch in Oberkotzau wurde wieder mit der Fertigung von Eisenbahnen begonnen; mit den unbeschädigt gebliebenen Werkzeugen wurden einige Vorkriegsbahnen neu aufgelegt.

 

Schon 1938 war geplant, die Fertigung von dem viel zu engen Standort von Schuhmann nach Mögeldorf in die Marthastraße 25 zu verlegen, wo die Mutter von Ottmar Beckh (sie stammt aus der Zeltner-Brauerei in der Tullnau) ein unbebautes Grundstück besaß. Das wurde nun realisiert. Im Juni 1948 wurde, noch aus Trümmerziegeln, die erste Halle fertiggestellt, gerade rechtzeitig vor der Währungsreform.

 

Der Aufbau wurde unterbrochen durch ein Gesetz der amerikanischen Militärregierung, wonach alle ehemals jüdischen Unternehmen unter Vermögenskontrolle gestellt wurden. Am 1. Juli 1948 wurde ein Treuhänder eingesetzt. Ottmar Beckh konnte in seiner Firma nichts mehr entscheiden. Auch der Treuhänder hatte nur wenig Befugnis, nahezu alle Maßnahmen – sogar die Instandsetzung des durch einen Sturm beschädigten Daches – mussten von Dienststellen des Bayer. Landesamts für Vermögensverwaltung und Wiedergutmachung genehmigt werden.

 

Anfang 1949 erschien der erste, drei Seiten umfassende Nachkriegskatalog. Er enthielt 5 wiederaufgelegte Bahnen von 1939, 12 große und 12 kleine Wagen sowie 3 Artikel Zubehör.

 

Die Witwe Clara Schuhmann und Alfred Gottlieb hatten einen Antrag auf Rückerstattung gestellt, der im November 1949 bei Ottmar Beckh einging. So war es unmöglich, zu investieren und neue Bahnen zu entwickeln, um die sich abzeichnenden Chancen der Wirtschaftswunderjahre zu nutzen. Schon nach wenigen Monaten wurde im Juni 1950 ein Vergleich geschlossen. Die früheren Eigentümer erhielten eine weitere Zahlung. Ausschlaggebend für den Vergleich war, dass die Vermögenskontrolle aufgehoben wurde. Endlich konnte investiert und das Sortiment modernisiert werden.

 

Bei dem guten Geschäftsgang in den Jahren des Wirtschaftswunders konnte der Ausbau des Betriebes zügig fortgesetzt werden. Es entstand ein kleines Bürogebäude, eine Lagerhalle mit Verpackung und Versand sowie eine weitere Fertigungshalle. Insgesamt betrug die Nutzfläche ca. 1.500 qm. In den Jahren 1951 bis 1956 wurde das Sortiment an Uhrwerkbahnen Spur 0 und Zubehör schrittweise  ausgebaut; auch eine Bahn in Spurweite 28 mm wurde angeboten. Die noch von Schuhmann stammenden Artikel wurden durch Eigenentwicklungen ersetzt. Die Firma hatte ca. 25-30 Mitarbeiter, davon 3-4 Werkzeugmacher.

 

Konkurrenten waren die Firmen Karl Bub, Johann Distler, Konrad Dressler, Georg Grötsch, Keim & Co und Heinrich Wimmer (HWN).

 

Der Vertrieb erfolgte wie bei allen mittelständischen Spielzeugfirmen über Großhändler und Exporteure, von denen es damals in Nürnberg und Fürth eine stattliche Anzahl gab, und über die Einkaufsgenossenschaft VEDES des Spielwarenfachhandels. Damals hatte noch jede kleine Stadt ein Spielwarengeschäft, oft hatten Elektro- und Haushaltswarengeschäfte eine Spielwarenabteilung. Allein in der Nürnberger Innenstadt gab es in der 1950er Jahren drei Spielwarengeschäfte. Weitere wichtige Kunden waren die Kaufhäuser und Versandhäuser.

 

1956 war der Aufbau eines breiten Sortiments an Uhrwerkbahnen und Zubehör abgeschlossen. Es umfasste Personenzüge und Güterzüge in verschiedenen Ausführungen, mit einfachen und mit großen Lokomotiven, zwei Wagensortimente mit je 12 großen und kleinen Wagen sowie 12 Artikel Zubehör. Eine Spezialität von Beckh waren die sog. Sortimentsbahnen, also mit verschiedenem Zubehör ergänzte Bahnen. 1956 erschienen zwei kleine Batteriebahnen in Spur 0. Es war eine für einen mittelständischen Betrieb beeindruckende Leistung.

 

Nach 1956 lag der Schwerpunkt bei der Entwicklung elektrischer Bahnen in Spur H0. Sie erschienen 1960 und wurden in den folgenden Jahren um Uhrwerkbahnen in H0 erweitert. Das Sortiment umfaßte vier Lokomotiven, 4achsige und 2achsige Güter- und Personenwagen sowie einen Bahnhof und ein Signal.

 

Das Sortiment an Uhrwerkbahnen Spur 0 blieb in den 1960er Jahren zwar in seiner Breite bestehen, wurde jedoch gestrafft. Große schwere Lokomotiven und Personenwagen mit Puffern wurden nicht mehr angeboten. Wagen, deren Herstellungskosten in den Preisen nicht mehr weitergegeben werden konnten, entfielen, z.B. Gepäckwagen mit Schiebetüren, Kranwagen, Wagen mit Holzladungen.

 

In den 1960er Jahren wurden neue kleine Bahnen entwickelt, darunter eine einfache silberfarbene Bahn mit einer kleinen Stromlinienlok. Neue Deckelbilder wurden entworfen, für die höherwertigen Bahnen gab es Styropor-Verpackungen. In der Fertigung wurden neue Pressen angeschafft.

 

In den 1960er Jahren wurde Blechspielzeug immer mehr von Spielzeug aus Kunststoff verdrängt. Vor allem die billigen Produkte aus Japan verschärften den Wettbewerb. Die H0-Bahnen bildeten Ende der 1960er Jahre keine wirtschaftlich tragfähige Grundlage mehr, als Märklin, Trix und Fleischmann ihre Startpackungen zu Dumpingpreisen auf den Markt brachten. Die „altmodischen“ Uhrwerkbahnen Spur 0 trugen mehr zum Gewinn bei als die „modernen“ H0-Bahnen. Bei den Uhrwerkbahnen war Beckh inzwischen größter Hersteller, aber in einem ständig kleiner werdenden Markt. Die finanzielle Situation war befriedigend, die Firma nahezu schuldenfrei, das Grundstück unbelastet.

 

Ottmar Beckh, inzwischen 63 Jahre als, entschloss sich, die Produktion nach der Auslieferung der Aufträge für das Weihnachtsgeschäft 1969 einzustellen. Auf der Spielwarenmesse 1969 wurde noch einmal das vollständige Sortiment ausgestellt. Es war kein „Sterben auf Raten“. Der Verkauf der Maschinen brachte einen beachtlichen Erlös, die Gebäude wurden vermietet.

 

Aquarell des Firmengeländes der Blechapielzeugfrabrik
Ottmarr Beckh KG (südl. Marthastraße)

Quelle: Dieter Beckh

Die Firma Ottmar Beckh KG wurde geordnet liquidiert; die Löschung im Handelsregister erfolgte am 17. Januar 1973. Ottmar Beckh konnte noch einen langen Lebensabend bei guter Gesundheit verbringen; er starb 1997 im Alter von 91 Jahren

   

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Kö.