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125 Jahre Bürger- und Geschichtsverein Mögeldorf e.V.

von Julia Lehner

 

 

Die Geburtsstunde des „Bürger- und Geschichtsvereins Mögeldorf e. V.“ datiert in eine Zeit, in der das Vereinswesen boomte. In großer Vielfalt sowie unzähligen Nuancierungen und – kulturgeschichtlich betrachtet – als spezifisch deutsche, bürgerlich-städtische Form des Zusammenschlusses verfolgten Gleichgesinnte in Vereinen etwa karitative, religiöse, kulturelle, fast immer aber gesellige Ziele. 1904 verzeichnete das Nürnberger Adressbuch allein 1.693 Vereine und Privatgesellschaften – Kranken-, Begräbnis- und ähnliche Unterstützungskassen nicht einmal mit eingerechnet. Das wachsende Selbstbewusstsein der Bevölkerung, insbesondere der nichtbürgerlichen Schichten im Zuge von Industrialisierung und Urbanisierung, wirkte katalytisch auf die Erweiterung und die Ausdifferenzierung des Vereinstableaus um 1900. Vereine boten Identifikationsmomente, wurden zu Foren der sozialen Vernetzung und nun zunehmend als Aktionsräume bürgerlichen Engagements, aber auch bürgerlicher Partizipation wahrgenommen und instrumentalisiert.

 

Wenn auch die Mehrzahl der Vereine und Zusammenschlüsse nur temporär bestand, z. B. weil der definierte Vereinszweck erfüllt war oder das Interesse der Akteure daran erlahmte, spiegeln sie wie kaum eine andere Quellenkategorie die sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Zeitgenossen wider. Vereinsziele und Vereinsmilieus veränderten sich dabei analog zur Dynamik des gesellschaftlichen Wandels. Die Palette der Vereine reichte von Geschichts- und Altertumsvereinen über Frauenvereine, Wohltätigkeitsvereine, Gesangs- und Musikvereine, Geselligkeits- und Fressvereine, Berufsfachvereine, Sport- und Turnvereine, Kleingartenvereine, Kunstvereine, Soldaten- und Kriegervereine, Unterstützungs- und Hilfsvereine bis hin zu Bürger- und Vorstadtvereinen.

 

Von Robert Musil, dem österreichischen Schriftsteller und Dramatiker, stammt das spitze Wort: Vereine fördern die Bestrebungen ihrer Mitglieder und stören die der anderen. Offenkundig wusste Musil nichts über die 1932 gegründete Arbeitsgemeinschaft der Bürger- und Vorstadtvereine Nürnbergs e.V., kurz AGBV, in der sich die Nürnberger Zusammenschlüsse als Teil der demokratischen Bürgergesellschaft organisieren und abstimmen. Derzeit sind 35 Bürger- und Vorstadtvereine in Nürnberg aktiv. Das 125-jährige Bestehen eines ihrer ältesten und traditionsreichsten kann nun begangen werden – Anlass genug, damit auch ein Stück Kulturgeschichte zu beleuchten.

 

Gründung

Bemühten wir eingangs die Metapher der „Geburtsstunde“, so müssten wir eigentlich von den „Wehen“ sprechen, als sich Anfang der 1880er Jahre ein loser Stammtisch jeweils montagabends in der „Franckschen Gaststätte“, dem nachmaligen Volksgarten am Mögeldorfer Plärrer – heute „Osteria“ – zusammenfand. Die Mitglieder der „Montagsgesellschaft“ zählten zum mittleren Bürgertum; Lehrer und Kaufleute waren darunter, aber auch kleine Fabrikanten und Handwerker. Nukleus der noch losen Gruppierung war der Gymnasialprofessor und Vorstand der Naturhistorischen Gesellschaft, Ernst Spieß, der zur Integrationsfigur der Vereinigung wurde.

Prof. Dr. Spieß, in: Wochenbeilage des Generalanzeigers

Nürnberg / Fürth, 20. Juli 1895

(Stadtarchiv Nürnberg A7/I NR Nr. 2846)

 

Mögeldorf war zu dieser Zeit noch nicht mit der Kernstadt verwachsen und ein beliebtes und geschätztes Ausflugsziel. Zum malerischen Weichbild zählten wie auch heute noch neben der Pegnitz und der Satzinger Mühle, das Schlösschen und die Kirche St. Nikolaus und St. Ulrich. Von Nürnberg kam man ab Mitte des 19. Jahrhunderts entweder bequem per Bahn oder zu Fuß entlang des Pegnitztales zu den Sehenswürdigkeiten, den naturräumlichen Besonderheiten, den Gasthäusern und Wirtsgärten des Vororts. Diesem Umstand war es geschuldet, dass die Mehrzahl der Stammtischmitglieder zunächst keinen Quartierbezug hatte. Von 111 eingetragenen Mitgliedern Mitte der 1880er Jahre waren nur 30 ortsansässig. Alle anderen kamen aus benachbarten Vororten wie St. Jobst, Erlenstegen, aber auch aus Nürnberg und sogar aus Fürth.

Teilansicht von Megendorf 1 Stund von Nürnberg 1699,
Prospekt mit Pfarrkirche und Mühle von Johann Alexander Boener
(Stadtarchie Nürnberg A75/I Nr. 332)

Chronikeintrag der Montagsgesellschaft am 30.4.1883 (Stadtarchiv Nürnberg E6/1269 Nr. 2)
 
 
Titelblattvon Band III der Vereinschronik 1893-1901.
(Stadtarchiv Nürnberg E6/1269 Nr. 7)

 

 

Vereinsleben

Wie bei so vielen Vereinigungen, die auch vor dem Hintergrund einer prosperierenden Gesellschaft wie Pilze aus dem Boden schossen, standen zunächst Geselligkeit und Genuss im Vordergrund. Man wollte nach des Tages Last und Arbeit bei einem Trunk frischen Bieres sich in anregender, heiterer Weise unterhalten. Dieses Zitat aus der Vereinspolizeiakte findet sich durch die Protokollbücher des Vereins überzeugend bestätigt. Denn dort lautete ein Eintrag auf einem der ersten Blätter am 30. April 1883: …große Tafelrunde. Zu verzeichnen ist aber trotzdem nicht viel, als daß man allgemein fidel war… Der Wert dieser bis 1905 in unregelmäßiger Abfolge geführten Protokollbücher reicht weit über den einer bloßen chronikalischen Aufzeichnung hinaus. Denn mit den Genrebildern und humoristisch kommentierten Zeichnungen wurden von begabten Illustratoren mit teils hohem ästhetischen Anspruch liebevolle Momentaufnahmen des Vereinslebens erstellt.

Chronikeintrag am 20. Oktober 1884 über Einrichtung der "Vereinskasse"
(Stadtarchiv Nürnberg E6/1269 Nr. 2)
 
Chronikeintrag am 22. Dezember 1884 zur Christbaumaktion des Vereins.
(Stadtarchiv Nürnberg E6/1269 Nr. 2)
 
 
Chronikeintrag am 20. Oktober 1884 über Einrichtung der "Vereinskasse"
(Stadtarchiv Nürnberg E6/1269 Nr. 2)
Chronikeintrag am 20. Oktober 1884 über Einrichtung der "Vereinskasse"
(Stadtarchiv Nürnberg E6/1269 Nr. 2)
Chronikeintrag am 20. Oktober 1884 über Einrichtung der "Vereinskasse"
(Stadtarchiv Nürnberg E6/1269 Nr. 2)
Chronikeintrag am 20. Oktober 1884 über Einrichtung der "Vereinskasse"
(Stadtarchiv Nürnberg E6/1269 Nr. 2)

 

Grundsätzlich bilden Vereins- und Vorortarchive als lokalgeschichtliche Quelle einen wichtigen Teil des Stadtgedächtnisses, weit über den Orts- und Vereinskontext hinaus. Diese Protokollbücher hat der „Bürger- und Geschichtsverein Mögeldorf e.V.“ an das Stadtarchiv zur Verwahrung abgegeben, wo sie öffentlich einsehbar sind und als Forschungsgrundlage, etwa im Bereich der Mentalitätsgeschichte, zur Verfügung stehen. Die Bilder geben einen lebendigen Einblick in die Stimmungen, Tätigkeit und Veranstaltungsformate: Neben dem Vereinslokal gehörte damals wie heute eine Kasse zur „hardware“ des Vereinslebens. Zusätzliche Mittel kamen z.B. durch die jährlich durchgeführte Christbaumverlosung hinzu. Denn schließlich galt es, die mitunter opulenten Mahlzeiten der Montagstreffen, zu denen z. B. Ochsenmaulsalat, Kaviar, Delikatess-Heringe und vieles mehr gereicht wurde, zu finanzieren. 

 

„Zweite Gründung“

Nicht zuletzt die Energie neuer Mitglieder, wie etwa des Direktors der Nürnberger Kunstschule Professor Karl Hammer, des Apothekers der Mohrenapotheke Dr. Paul Elliesen, des Mögeldorfer Bürgermeisters und Hopfenhändlers Johann Stiegler, des Uhrmachermeisters Gustav Speckhart oder des Bildhauers Heinrich Blab, entriss die Montagsgesellschaft der Beliebigkeit eines Geselligkeits- und Genussvereins und gab ihr am 29. Dezember 1890 mit der zweiten Gründung als „Verein für die Geschichte Mögeldorfs“ ein klares Profil und einen klaren Auftrag. Zweck der am Vorbild des „Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg“ ausgerichteten Neuauflage war die Restaurierung und Verschönerung der Pfarrkirche sowie die Erforschung der Ortschaft Mögeldorf und deren engerer Umgebung. Als dekorative Attribute der nun definierten Vereinsprogrammatik schmückte eine Vielzahl von Zeichnungen, Stichen und anderen Darstellungen „Alt-Mögeldorfs“ das neue Vereinslokal, die „Trettersche Gaststätte“. Ein neues kreatives Spendenformat wurde mit der „Glückssteuer“ aufgelegt, die in beliebiger Höhe bei positiven Lebens-Ereignissen, dies konnte die Geburt eines Kindes, aber auch ein guter Geschäftsabschluss sein, zu entrichten war. 

 

Bereits 1892 hatte eine Kreuzigungsgruppe restauriert und im Chorraum angebracht werden können. Als Ernst Spieß 1894 starb, waren schon 2.000 Mark in der Kasse für die Kirchenrestaurierung, speziell des Kirchenportals. Noch weitere Artefakte wie Totenschilde und Epitaphe konnten restauriert werden. Wenn auch der Großteil der Finanzierung von Seiten des Staates geleistet wurde, so war der „Verein für die Geschichte Mögeldorfs“ doch die treibende Kraft, der Motor dahinter. Nicht zuletzt hatte sich der Verein mit seinen kultur- und kunsthistorischen Anliegen auch in Fachkreisen hohes Renommee erworben. Dafür spricht, dass 1897 der in Nürnberg wohnhafte Kreisarchivrat Lehner den Vorsitz übernahm, und im selben Jahr trat auch der Nürnberger Stadtarchivar Ernst Mummenhoff als Mitglied bei. Nach einem kurzen Intermezzo in der Gastwirtschaft „Ostbahn“ an der Freiligrathstraße wurde 1898 die „Friedenslinde“ das neue Vereinslokal. Hier fand am 19. Dezember 1898 die letzte Sitzung im alten Mögeldorf statt. Der Eintrag im Protokollbuch zeigt bereits die Silhouette der Noris als neuer Bezugsgröße, denn am 1. Januar 1899 war Mögeldorf mit zwölf anderen ehemaligen Landgemeinden nach Nürnberg „einverleibt“ worden. Schon am nächsten Tag fand diese historische Zäsur Niederschlag in der Chronik.

 

Die liebevolle Gestaltung der Blätter täuscht jedoch über die erlahmende Vereinstätigkeit hinweg. Am 12. November 1900 fand die vorläufig letzte Generalversammlung im Gasthaus „Nickel“ statt, in deren Rahmen führende Vorstandsmitglieder zurücktraten. Die Recherche der Vereinspolizei vom 25. Juli 1902 dokumentiert: Der Verein für Geschichte Mögeldorfs vegetiert noch solange, bis das Kirchenportal der renovierten Kirche in den Stand gesetzt sein wird, was in 3 Jahren der Fall sein dürfte… Am 11. Oktober 1905 erfolgten dann formal Auflösung und Streichung aus dem Vereinsregister.

 

Kriegs- und Zwischenkriegszeit

Für die Konsolidierung der 1901 gegründeten Nachfolgeorganisation, dem „Vorstadtverein Nürnberg-Mögeldorf“, der als Interessensvertretung der jungen Vorstadt gegenüber dem Magistrat der Stadt Nürnberg ins Leben gerufen worden war, blieb wenig, ja zu wenig Zeit für eine nachhaltige Konsolidierung. Zu den Handlungsfeldern zählten die Verbesserung der Straßenbeleuchtung und Wege sowie eine optimierte Anbindung an das Straßenbahnnetz, was im Juli 1914, unmittelbar vor Beginn des Ersten Weltkriegs, noch gelang. Aber die dramatischen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Krieges sowie ab 1933 die Gleichschaltung des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens während des Nationalsozialismus und schließlich der Zweite Weltkrieg verhinderten, dass das Vereinsleben trotz mehrerer Anläufe richtig Fahrt aufnehmen konnte.

            Fortsetzung in der nächsten Ausgabe

 

 

 

 

Copyright © 2015 Bürgen- und Geschichtsverein Mögeldorf e.V. | Alle Angaben ohne Gewähr. | Impressum |Letzte Änderung: 26.04.2016