Frau Kunigunde Trost

Ich bin 1915 in Osternohe geboren und habe dort die ersten zehn Jahre gelebt. Dort habe ich die ersten vier Schuljahre absolviert, wobei mehrere Jahrgänge zusammen unterrichtet wurden. Wegen einer Ohrenentzündung habe ich häufig gefehlt. Ich war dann zu Hause auf der Ofenbank. Ich habe drei Geschwister gehabt, zwei Brüder, die beide im zweiten Weltkrieg gefallen sind, und eine Schwester, die auch bei der 975-Jahr-Feier in der evangelischen Kirche dabei war. Der ältere Bruder Hans ist bei Stalingrad vermisst. Er hatte beim Schelter als Bau- und Kunstschlosser gelernt, es war eine strenge, harte Ausbildung. Der jüngere Bruder war noch Ende 44 wegen Ruhr zu Hause, ist aber dann im Frühjahr 1945 nochmals hinaus und beim Rückzug in Polen gefallen. Mein Vater ist aus der Oberpfalz 1909 nach Osternohe gekommen. Er hatte noch 4 Geschwister und 5 Halbgeschwister. Meine Mutter war nicht berufstätig.

Meine Eltern haben einen Bauernhof betrieben, obwohl mein Vater kein gelernter Bauer war. Neben dem Bauernhaus war der Alkoven, der an das Wohnzimmer angebaut war, wo nicht nur ich, sondern auch andere Osternoher geboren wurden. Ich habe mit 9 Jahren bereits Kühe gehütet. Unser Nachbar war der Hirt sowie der Metzger und Mesner. Der Hirt hat mittags um 12.00 Uhr immer geblasen. Dann hat man seine Stalltüre aufgemacht und dann sind die Kühe von einem Anger zum anderen gezogen. Osternohe hatte zehn verschiedene Anger. Neben dem Metzger war auch noch der Mesner unser Nachbar. Mit den anderen Kindern bin ich immer zum Glockenläuten gegangen. Mit neun Jahren habe ich für das Hopfenzupfen am Nachmittag nach der Schule auch meinen ersten Lohn bekommen. Von dem Geld hat mir der Vater erstmals Schuhe aus Schnaittach besorgt. In dem Dorf Osternohe waren damals nur ein einziger Laden und zwei Wirtshäuser.

Mit 10 Jahren (1925) bin ich nach Malmsbach gezogen, weil die Eltern den Bauernhof verkauft haben, und habe dort ein Jahr lang die Schule in Schwaig besucht. Mein Vater hat dort den Lastwagenführerschein gemacht und war danach Lastkraftfahrer. Weil der Besitzer pleite ging, verloren wir unseren Bauzuschuß und mussten nach der Versteigerung das Haus räumen.

So sind wir nach Mögeldorf in die Laufamholzstraße gekommen, vis á vis vom Marktkauf, neben der Wirtschaft Postkutscher. Fast bis hierhin reichte noch die Allee nach Laufamholz. Unser Vermieter Sengenberger hatte im Hinterhof eine Schreinerei und ein Faltbootgeschäft. Er war ständig in Geldschwierigkeiten. Da er die Grubenleerung nicht zahlen konnte, musste das sogar die Polizei veranlassen. Wenn wir die Miete nicht an das Gericht zahlen mussten, habe ich das Geld immer persönlich überbracht. In der Laufamholzstraße war eine Kohlenhandlung, die hat auch Petroleum für unsere Lampen verkauft. Elektrisches Licht hatten wir erst im Kachelrieß´schen Haus. Mit dem Leiterwagen musste ich am Samstag beim Dick & Co in der Ostendstraße Briketts holen.

Ich bin dann bis 1928 (8 Jahre Schulzeit) in die Thusneldaschule gegangen, in die evangelische Schule (daneben gab es noch die katholische und die Simultanschule), Zr. 47 im zweiten Stock, einem Eckzimmer. Wir waren 14 Buben und 14 Mädchen. und hatten den Lehrer Koeth. Der Koeth war ein strenger Lehrer, das ganze Schulhaus hat ihn geforchten. Wenn der Koeth die Hofordnung hatte, sind die Kinder alle in Reih und Glied gestanden. Der Koeth kommt lief wie ein Lauffeuer durch die Schüler. Sonst haben wir während der Pause hauptsächlich Fangerles gespielt. Unten links im Keller war auch ein großes Bassin, wo man sich die Füße waschen konnte. Er ist mit uns im Winterhalbjahr auf die Prutzbrücke -wir haben früher Shellbrücke gesagt wegen des Tanklagers - und hat uns abends die Sterne erklärt. Er hat uns auch in den Ferien in seine Wohnung in der Moritzbergstraße in Laufamholz eingeladen. Seine Mutter hat dann Kuchen gebacken. Dann hat er seine Dampfmaschine hervorgeholt und hat uns etwas vorgeführt. In der Schule hat er seinen Stecken, das spanische Röhrle, nie aus der Hand gelegt. Und er hatte immer Gamaschen an. Wir haben auch ein paar Schulausflüge gemacht, zum Tiergarten am Dutzendteich, der hat mir besser gefallen als der heutige, nach Brunn und nach Burgthann, wo uns der Lehrer eine Ruine gezeigt hat. Er ist im Krieg gestorben, als er mit den Kindern in Schillingsfürst zur Landverschickung war. Seine Frau ist erst 1998 gestorben. Sonst bin ich nicht weit fortgekommen, nur gelegentlich mit dem Rad zum Kirschenholen nach Igensdorf oder zur Kirchweih nach Osternohe. Heute fahre ich mehr nach Neuhaus, Velden und zur Pegnitzquelle. Aus meinem letzten Schuljahr 1928/29 kann ich mich noch erinnern, dass es ein Ereignis war, wie die Metzger´sche Villa am Faschingsdienstag abgebrannt ist. Die Villa konnte von der Feuerwehr nicht gelöscht werden, weil das Wasser im Schlauch gefroren ist. Und die Maskierten sind drumherumgestanden und haben zugeschaut, wie es gezischt hat. Meine Schulfreundin Dorle Schuhmacher hat mir einmal vorgeführt, wie sie auf Kraußers Rollschuhbahn fährt. Sie war sogar, glaube ich, Bayerische Meisterin. Als Schülerin habe ich auch noch miterlebt, wie die Kath. Kirche eingeweiht wurde. Ich habe auch noch die Lehrerin Anna Herrmann erlebt. Aber da hat sie nur noch den Reigen eingeübt.

Konfirmiert worden bin ich vom Pfarrer Bammessel. Der Konfirmandenunterricht war ein oder zweimal die Woche in der Ziegenstraße 31, wo der Bruder Hahn gewohnt hat. Am Freitag war dann Prüfung, am Samstag Beichte und am Sonntag Konfirmation mit dem ersten Abendmahl. Getragen haben wir ein schwarzes Kleid und ein Myrtenkränzlein im Haar. Ein Bild habe ich davon nicht, weil wir ja arm waren. Mitgefeiert hat nur ein Bekannter meiner Mutter aus Osternohe, der in Erlenstegen gewohnt hat, weil meine Patin aus Rollhofen bei Speikern katholisch war.

Bei uns ist jeden Tag um 3/4 12 Uhr der Baron von Oberbürg mit seiner Kutsche vorbeigefahren in die Stadt hinein, weil wir nur Bauernwirtschaften hatten. Auf dem Ritter St. Georg war ein Bauer aus Malmsbach, bei dessen Eltern wir unsere Milch geholt haben.

Etwa 1930 sind wir, da unser Vermieter seine eigene Miete nicht mehr zahlen konnte und er deshalb nach Aufgabe seines Betriebs in die Laufamholzstraße selbst einziehen wollte, in das Kachelrieß´sche Haus (Imhofbau) eingezogen. Der Kachelrieß war der Hauptlehrer von Laufamholz. Er hat immer zwischen dem 1. und 3. persönlich die Miete abgeholt. Es war dort noch einfacher als in der Laufamholzstraße. Das Klo war auf dem Hof, ein sog. Plumpsklo. Das war im Winter ganz schön kalt, da war sogar Raureif dran. Es gab keinen Wasseranschluß im Haus. Im Sommer haben wir das Wasser im Hof geholt, im Winter in der Remise (Scheune). Die Mauern waren so dick, dass das Wasser dort nicht gefrieren konnte. Das Abwasser musste in Eimern in die Rinne geschüttet werden, das ist dann wohl in die Pegnitz gelangt. In dem Haus haben 10 Parteien gewohnt, die Müller, Zeltner, Schafreiter, der Rupp, oben wir, die Henning und Seitz und hinten die Alsheindel sowie die "Turm"-Schaidlin. Zu den 10 Parteien haben auch viele Kinder gehört, so hatten die Schaubergers einen Sohn, die Zeltners hatten mehrere Kinder -der Richard lebt heute mit 91 in einem Altersheim in Lauf-, die Müllers hatten einen Sohn, die Riedel waren schon älter, deren Sohn lebte im Hallerschloß, die Hennings drei Kinder, Gerda, Inge und Kurt und die Seitz zwei. Auch die Rupps hatten mehrere Kinder. Und dann wohnte da noch der Kunsthändler Alois Rupp. Zu den 10 Parteien gab es fünf Eingänge. Wir haben zu sechs Personen zwei Zimmer, eine kleine Kammer und eine Küche gehabt. Die Küche war abgeteilt, jeder hatte so ein halbes Fenster. Unser Kachelofen war nur noch halb so groß wie in Osternohe. Der ist von der Küche aus geheizt worden und hatte eine Brat- und eine Kochröhre. Wir haben zweimal in der Woche, Dienstag und Donnerstag, Holz geholt. Der Tag war vorgeschrieben. Einen Holzschein hat nur bekommen, wer Kinder hatte oder arm war. Holz hat man sich nicht leisten können, das war zu teuer, ebenso wie Anthrazitkoks. Aber Briketts gab es schon, weil die die Wärme besser gehalten haben. Vormittags haben wir also Holz geholt, nachmittags ist es kleingemacht worden. Ab und an hat man auch einmal Abfallholz vom Schreiner bekommen. Samstags ist in der Küche immer in einer Zinkwanne gewaschen worden, zuerst die Wäsche und dann wir. Manchmal sind wir aber auch in den Block in die Wagenseilstraße, weil es da ein Bad gab. Im Hallerschloß waren noch einmal so viele Parteien wie bei uns. Aus der Küche hatten wir einen herrlichen Blick auf Alt-Nürnberg, da die Satzinger Mühle früher nicht so hoch war wie heute.

Für den Vater habe ich in den Wirtschaften in der Laufamholzstraße Bier geholt, drei Schoppen kosteten 38 Pfennig. Wenn ich einmal Taschengeld bekam, z.B. ein Zehnerle, habe ich gern beim Bäcker Munkert Maultaschen gekauft, die waren herrlich. Es gab häufig Backers, Kartoffelbrei und Sauerkraut. Ich habe in der Küche eigentlich wenig helfen müssen. Deshalb wusste ich mit 12 1/2 Jahren auch nicht, als meine Mutter im Wochenbett gelegen ist, wie ich Wirsing kochen soll. Ich habe da den ganzen Strunk mit durchgedreht, so dass er überhaupt nicht mehr geschmeckt hat. Gelegentlich gab es auch Brathering, marinierte gab´s nicht. Häufiges Gericht war auch Kartoffeln mit Backsteinkäs. Statt Butter gab es Margarine, auf´s Brot kam Vierfruchtmarmelade. Die Mutter hat selbst gebacken. In der Regel gab es Ofenknödla, zur Kirchweih an Pfingsten gab es viereckige Küchla. Das Brot haben wir beim Horlacher eingekauft. Der Fritz war in Gefangenschaft, der Sohn hat dann bis 1972 die Bäckerei weiterbetrieben. Das Fleisch kam aus der Metzgerei Tratz zwischen Friedenslinde und Schwarzem Adler. In der Laufamholzstraße gab es auch noch den Metzger Gump. Diese Familie hatte in der Schmausenbuckstraße eine Villa und auch einige Bauplätze. Als ich von meiner Mutter zur alten Seniorchefin geschickt wurde, Wurstbrät zu holen, bekam ich keines, weil wir sonst dort auch nicht gekauft hätten. Die Fische haben wir beim Seitz gekauft, der war dort, wo heute die Änderungsschneiderei ist, wo die Laufamholzstraße auf die Mögeldorfer Hauptstraße stößt. Der Seitz war ein Feinkostladen für Fisch- und Wurstsachen. Und der Backdie und der Konsum waren auch schon da. Der Konsum war im heutigen Geschäftslokal des Bürger- und Geschichtsvereins Mögeldorf in der Ziegenstraße, vorher war ein Schuhladen drin.

Am Eingang zur Schmausenbuckstraße war ein alter Brunnen zum Drücken. Ein weiterer Brunnen war mit der Friedenslinde neben der Gaststätte Friedenslinde. An der Ecke war der Sattler (heute Apotheke Fekl), daneben der Backdie vom Willi Fuchs. Bei Kriegsausbruch haben die Leute dort Hamsterkäufe durchgeführt, da kamen Leute mit 50 Markscheinen, von denen man das nie gedacht hätte. In der Mögeldorfer Hauptstraße kamen nach der Einmündung Schmausenbuckstraße der Bader Emmert, der auch die Zähne gerissen hat, dann die Gärtnerei Kügel, der Bauer Schwab und dann die Wagnerei Stippler (heute Weinhandlung). Die Milch haben wir mit der Kanne bei den Hutzlers in der Hammerstraße geholt. Obst haben wir nicht gekauft, wir haben höchstens das heruntergefallene aufgehoben. Außerdem hatten wir am Ebensee vis á vis vom Postsportverein einen Garten. Anfangs hat die Mutter dort Gemüse angebaut, den haben wir dann aber aufgegeben, weil die Mutter gesagt hat, sie mache das nicht mehr, die anderen bauten auch kein Gemüse mehr an. Dann haben wir es wohl vom Backdie gekauft. Den Schuster Berthold in der Laufamholzstraße neben der Dachdeckerei Pöhlmann haben wir nicht gebraucht. Unsere Schuhe hat unser Onkel repariert, der konnte dies, obwohl er kein gelernter Schuhmacher war. Dann gab es auch noch den Schlappenschuster Schneiders Loidl, der hat im Anbau zum Ritter St. Georg gewohnt, dem sog. Römerhof, aber ein Franzose war das nicht. Die Scharrers Rettl, seine Schwester, hat seinen unordentlichen Haushalt vergeblich zu ordnen gesucht. Der Loidl war doch ein alter Saubär. Aber er hatte lauter Goldzähne. Auf der Südseite vom Bahnhof war früher noch keine Bebauung. Da gab es noch den Egelweiher. M.E. waren da viele Blutegel drin und deshalb hat der Weiher so geheißen. Erst viel später ist dann an diese Ecke die Polizei hingebaut worden. Als die Villa Braun in der Bothmerstraße gebaut wurde, musste ununterbrochen das Wasser abgepumpt werden, so feucht war es. Ich habe noch erlebt, wie das alte Mögeldorfer Rathaus in der Freiligrathstraße als Polizei genutzt wurde. Der Fritz Scherm war da Gendarm. Beliebter Postbote war der Kögel, der hat an der Gleißhammerstraße bei der Einmündung der Böcklerstraße gewohnt. An der Semmelweisstraße hatten später meine Schwester und ich auch jeweils einen Garten. Da gab´s auch ein Wasserloch zum Wasserschöpfen. Auf der linken Seite der Ziegenstraße war früher ein Kiefernwald. Vor den Baslers gab es die Gärtnerei Krämer. Danach kam eine Sandgrube, die später wieder aufgefüllt wurde. Auch auf der Diehlwiese waren bis 1970 Gärten. Vor dem Krämer kam der Brennershof, zwei kleine Backsteinhäuser und dann die Wirtschaft Steigerturm. Beim Brennershof war zunächst noch ein freier Platz, da gab es ab und zu Kunststücke. Wir als Kinder haben dazu immer Olympiaschau gesagt, so eine Art Zirkus, wo auf einem Seil zwischen zwei Masten balanciert wurde. Als Kinder waren wir oft im Birkenwäldle an der Semmelweisstraße, obwohl dort lauter Föhren waren. An der Quelle dort haben wir uns oft aufgehalten. Da haben wir eine Schaukel aufgebaut, wobei sich mein jüngerer Bruder verletzt hat, so dass er ein Hüftleiden hatte. Da er nicht mehr laufen konnte, habe ich ihn immer im Sportwagen fahren müssen. Einmal waren gerade Ferien und ich musste wieder auf meine 1918 und 1920 geborenen Brüder aufpassen. Der jüngere hatte immer noch Gips an. Am Prinzregentenufer war die Messe - wie heute auf dem Hauptmarkt. Da bin ich mit den zwei Buben auf die Messe, einen im Wagen und einen an der Hand. Das hat mir so einen Spaß gemacht, da war der billige Jakob dort, ein Meter Spitzen, zwei Meter Spitzen und einen Gummi für ein Fuchzgerle oder 95 Pfennig. Und da habe ich dem zugehorcht. Der Kleine hat dann das Jammern angefangen, weil er nicht mehr sitzen konnte. Und dann sind wir heim, über den Tullnaupark, ein richtiger schwerer Anstieg war das für mich. Stellen Sie sich vor, vom Prinzregentenufer bis zur Laufamholzstraße. Und daheim habe ich Vorwürfe bekommen: "Wie kannst Du denn mit den Buben so weit fortgehen." Da habe ich ein paar gekriegt. Und ich hatte mich so geplagt, ich war hundemüde. Und es war doch so schön. Ich war immer gern, wo etwas los war. Ich habe in Osternohe so etwas nicht kennengelernt. Da war das für mich als Kind ein Erlebnis. Ich war begeistert. Das waren so Kindheitserlebnisse. Im Sommer waren wir auch oft an der Buchenklinge am Schmausenbuck. Da gab es auch noch einen Irrgarten.

Als ich 1929 aus der Schule kam, war die Arbeitslosigkeit genau wie heut. Wir waren allerdings noch viel ärmer. Die Arbeitslosen mussten in der Früh um 3, 1/2 4 Uhr zum Schneeräumen. Wer nicht kam, bekam kein Geld. Ohne Stempel gab´s auch kein Geld. Den Stempel musste man sich in der Karl-Grillenberger-Str. (heute Wöhrl-Parkhaus) abholen. Eine Ausbildung habe ich nicht gemacht, da ich Geld verdienen musste. Das erste Geschäft habe ich mir über die Zeitung gesucht. Das war eine Lampenschirmherstellung in der Sulzbacher Straße. Wir haben in die Karolinenstraße Riesenschirme getragen. Die Drahtgestelle mussten wir umwickeln und drauf ist dann der Stoff gekommen. Ich habe da 5 RM die Woche (14 Pfennig die Stunde) verdient. Erst mussten wir am Samstag kassieren gehen und haben dann auf Geld gewartet. Auf 5 Mark warte ich heute noch.

Mein Vater hat für den Dachdecker Pöhlmann den Lastwagen gefahren. Dieser hatte in Unterbürg auch eine Sandgrube (in der frühzeitliche Funde gemacht wurden, vgl. Mögeldorf S. 10). In meiner zweistündigen Mittagspause musste ich dorthin immer das Mittagessen bringen. Der dortige Aufseher Hofmann hat mich dann zum Philippe nach Freiland in die Koffergrifffabrik vermittelt. Dort war ich 1 1/2 Jahre. Ich hatte dann einen eiternden Finger, ich war 10 Wochen krank und bin dann entlassen worden. Danach war ich 14 Tage in einer Drecksbude in der Sulzbacher Straße, wo ich Rillen poliert habe. Der Inhaber hat sich immer an die Mädchen gemacht. Mit mir hat er nichts anfangen können und so musste ich nach 14 Tagen gehen.

Auf Vermittlung meiner Schulfreundin habe ich im Weihnachtsgeschäft und auch mal an Ostern in der Lebkuchenfabrik beim Häusler oder Wagner geholfen und Lebkuchen glasiert und eingepackt. Da konnte man auch schon mal naschen, obwohl die Aufsicht da war und dies verboten war. Das war eine besonders schöne Arbeitsstelle.

Auf der Kirchweih war vor dem Krieg immer großer Trubel. Wir waren zwar dabei, aber in der Wirtschaft waren wir nicht. Da hat das Geld nicht gelangt. Mit einer sechsköpfigen Familie konnte man nicht in die Wirtschaft gehen. Die Familie unter uns hatte nur eine Tochter und die Mutter war bei Cromwell und der Vater Bauarbeiter, die haben natürlich schon in der Wirtschaft Bratwürste gegessen, der Vater zwei, die Tochter drei. An der Schmausenbuckstraße und der Ortsstraße standen Stände. Die Rechten waren beim Guthmann, die Linken beim Volksgarten. Da war kaum ein Durchkommen. Besonders viele Kommunisten gab es im Block. Die Mögeldorfer sind da gar nicht so hingekommen, weiter als bis zur Schönen Aussicht ist man nicht gegangen.

Als wir noch in der Laufamholzstraße wohnten, habe ich zu Hause einmal Haue gekriegt, weil ich bei einem Fackelzug der Kommunisten mitgelaufen bin. Ich war doch jung, vielleicht 14 oder 15, da bin runtergerannt und mitgelaufen. Der Zug mit Gesang war interessant. Als ich nach Hause kam, ist der Vater hinter der Tür gestanden und hat mich geschlagen. "Wie kannst Du da mitgehen, wo da unten mein Chef ist!" Das war ein Vergehen. Der Chef hatte auch vier Kinder, Ernst, Alfons, Franz und die Lilli. Die hat mir deshalb nichts zum Anziehen überlassen.

1936 habe ich zum ersten Mal gewählt. Da gab es viele bedrückte Gesichter, weil man nicht mehr frei wählen konnte. In Mögeldorf haben die SPD und die KPD damals immer die meisten Stimmen gehabt. Ich habe mir da schon gedacht, dass alles zu spät ist. Ich war drei Jahre auf der Fortbildungsschule drüben in der Bismarckschule. Um 1/2 8 Uhr hinüber, 1/2 12 Uhr zurück, um 1/2 2 Uhr rüber und um 6 Uhr zurück. Wir sind zu viert immer gemeinsam gelaufen. Unsere Lehrerin Volk hat immer zu uns gesagt: "Wählt nie eine Partei, die einen Krieg will." Das hat sie uns eingebleut. Damals gab es schon Plakate mit dem Spruch: "Wir brauchen den Krieg so notwendig wie ein Stück Brot." Außerdem wusste ich, dass der Bruder meines Vaters, weil der Mitglied der Kommunistischen Partei war, ein halbes Jahr im KZ war.

Ich war nie in einer Partei. Weil jedoch die BdM-Jacke so praktisch war, habe ich diese zum Radfahren bei schlechtem Wetter genutzt. Ich bin eines Freitags mit dem Rad zum Schocken gefahren und habe dort eingekauft. Als ich wieder herauskam, wurde ich von BdM-Mädchen, die dort Wache hielten, an der Jacke gepackt. Mir wurde vorgehalten, wie ich dort einkaufen könne.

Ab 1933 habe ich beim Haeberlein gearbeitet. Ich war mit meinen Fabrikkolleginnen einmal auf einer Reichsparteitagsversammlung, aber nicht am Dutzendteich. Ich habe über das Gerede so lachen müssen, dass meine Kolleginnen mich beruhigten, weil wir so böse angeschaut wurden. Während der Parteitage war ich nie auf dem Parteitagsgelände, nur einmal in der "KdF-Stadt", das waren Baracken an der Valznerweiherstraße, etwa in Höhe des Clubgeländes, wo es Aufführungen gab. Das Parteitagsfeuerwerk habe ich sogar von der Prutzbrücke aus sehen können. In der Reichskristallnacht wurden in der Ziegenstraße auch bei einem Geschäft die Schaufensterscheiben eingeschlagen.

Nach meiner Hochzeit im Jahr 1935 haben wir zunächst nach wie vor in der elterlichen Wohnung gelebt. Erst als die Turmschaidlin, die auch im Kachelrieß´schen Anwesen gewohnt hat und die jeden Tag bei Wind und Wetter am Schmausenbuckturm war und ihn aufgesperrt hat, verstorben ist, sind wir in diese Wohnung gezogen. Die Kriegszeit habe ich dann alleine mit meinen beiden kleinen Töchtern meistern müssen. Bei den Luftangriffen waren wir im Keller der Fabrik von Metzger & Böhm, der späteren Noris. Wenn man durch das Tor gegangen ist, kam eine Falltür, und dann führte eine Treppe hinunter in den Weinkeller. Der war so groß, dass die ganze Nachbarschaft hineingepasst hat. Da hat man nicht viel gemerkt, allerdings die Luftminen hat man schon gehört. Wie wir das letzte Mal aus dem Kachelrieß-Bau zum Weinkeller gelaufen sind, ich war meist mit meinen vier Kindern die letzte, hat es gebrannt, so dass wir nasse Tücher über den Kopf legen mussten. Französische Fremdarbeiter waren mir immer behilflich, dass ich mit dem Kinderwagen in den Keller hinunterkam. Diese selbst durften, so meine ich mich zu erinnern, nicht in den Keller, außer beim unmittelbaren Bombenfall. Ich habe Ihnen immer ein paar Zigaretten zugesteckt. Nach den schweren Luftangriffen im August 1943 habe ich Mögeldorf bis 1945 verlassen. Zwei Jahre war ich dann mit meinen Kindern in Dürrwangen umquartiert. Eine Tochter lag noch im Kinderwagen, eine saß vorne drauf, links und rechts hatte ich einen Koffer, so sind wir losgezogen.

Wir waren bei der Schreinerin in Dürrwangen untergebracht. Die kam in der ersten Nacht gar nicht heim, so dass wir bei der Nachbarin übernachten mussten. Mürrisch hat sie uns dann für zwei Jahre einziehen lassen. Die Häuser waren zwar alle gescheuert, aber trotzdem hatten alle Läuse. Da draußen hat´s immer geheißen: "Wenn die Flieger drüber (Nürnberg) gehen, das ist für uns Musik". Sie haben damit erst aufgehört, als in Dürrwangen selbst Luftminen fielen und Tote zu beklagen waren. Den Wald bei Dürrwangen hat es auch völlig erwischt. Schon da gab es wenig zu essen. Feldsalat und Eier gabs, sowie Pilze aus dem Wald. Ich begann hier auch zu hamstern und lernte, die Familie durchzubringen. Uns wurde ferner ein kleines Gemüsebeet zugeteilt.

Vorderseite

Rückseite

 

Im Mai 1945 hat mir ein Schäfer, der mir öfter einmal Lammfleisch gab, ein Viertel Kalb angeboten. Da es in Dürrwangen geheißen hat, die Nürnberger verhungern, habe ich es genommen und in meinen Rucksack verstaut. Zuerst war ich mit dem Fahrrad unterwegs, dann hat mich ein Lastwagen aufgenommen. Bei der Kontrolle hatte ich Glück, denn sie haben das Fleisch nicht gefunden, obwohl ich es auf dem Schoß hatte. Ich habe es meiner Mutter und meiner Schwester sowie meiner Schwägerin gebracht, die zwischenzeitlich in meiner Wohnung im Kachelrieß´schen Haus waren. Meine Mutter hat dann, als es zum Essen ging, gemeint, ich bräuchte nichts, ich hätte draußen in Dürrwangen genug zu essen. Trotzdem bin ich noch öfter von Dürrwangen nach Nürnberg per Rad, Anhalter oder Lkw gefahren, um Mehl, Grieß, Öl etc. nach Mögeldorf zu bringen.

Ich habe dann gehört, dass es bei Kriegsende auch zu Plünderungen gekommen ist. Z.B. wurde die Zeltnerbrauerei geplündert. Ganze Weinfässer wurden bis nach Mögeldorf gerollt. Die Besatzungssoldaten haben, damit sie schwiegen, auch ihren Anteil bekommen. Zum Thema, wie diese mit den Frauen und Mädchen umgingen, möchte ich nichts sagen.

Nach dem Krieg als ich wieder aus Dürrwangen zurück war, hat mir die Satzinger Mühle geholfen. Meine Kinder haben da Mais gesammelt, den die Amerikaner angeliefert haben. Zusammen mit Brotmehl konnte ich dann jede Woche beim Horlacher soviel Brot backen lassen, dass ich für jeden Tag einen Laib Brot hatte. Besonders schlimm war es in den Hungerwintern 1946 und 1947. Mehr als diesen einen Kipf Brot gab es nicht. Zum Frühstück habe ich Kaffee getrunken und eine kalte Kartoffel mit Butter und Salz gegessen. Dann gab es noch etwas Backers und Klöß. Ich bin dann hamstern gefahren bis ins Ries hinunter z.B. nach Wemding. Ich habe dort frischgeschlachtetes Fleisch bekommen. Oft war ich auch in Weißenburg, ich habe von dort aus Fußstrecken bis zu 25 km unternommen. In Oberdachstetten hat mir die Metzgermeisterin immer ihre Brotmarken überlassen. Als ich wieder einmal in Weißenburg in den Zug steigen will, kontrolliert mich ein Gendarm. In meinem Rucksack hatte ich die Eier in das Mehl gesteckt, so dass nur das Mehl sichtbar war. Das Sauerkraut hatte ich in eine Kanne hineingegeben. Ich hatte von allem etwas, aber nicht zuviel. Der Gendarm hat mich zwar ausgeschimpft, weil ich hamstern fuhr. Seine Schwester mit sieben Kindern müsste auch auskommen. Aber er hat mir nichts abgenommen. So bin ich mit Rucksack und Brotmarken heil heimgekommen. Als Gegenleistung hatte ich von meiner Schwägerin Steckkämme. Für Lauskämme hat man am meisten eintauschen können. Ich hatte aber auch Fäden dabei oder Stoffe. Zudem habe ich Butter- und Zuckermarken verkauft, um Geld zum Umtauschen zu bekommen. Für Kaffee, Butter und Zucker habe ich hauptsächlich Eier, Mehl und Grieß eingekauft, da hatte ich mehr davon. Die Wanderungen von Ort zu Ort begeisterten mich, da ich mich über die Natur, vor allem Enzian und Silberdistel sehr freute.

Als meine Rente im Sommer 1956 aufgehoben wurde, habe ich am 1. Juni begonnen, Zeitungen und auch das Mögeldorfer Mitteilungsblatt auszutragen. Das Mögeldorfer Blatt auszutragen hat mir über all die Jahre großen Spaß gemacht. Ich bin so mit meinem Mögeldorf tief verwurzelt geblieben, obwohl ich seit langem in Gleißhammer wohne.

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letzte Änderung: 23.12.01