Rudolf Hannwacker (H) und Hans Wölfel (W)
H: Ich bin Jahrgang 1919. Ich hatte drei leider schon verstorbene Geschwister. Mein Großvater ist von Unterfranken aus beruflichen Gründen nach München gegangen. Er diente mit seiner Größe von 173 cm im Königlich-Bayerischen Garderegiment (Leibregiment). Dort wurde er später Bataillonsbüchsenmeister. Mein Vater war Prof. (Oberstudienrat) am heutigen "Dürer" (fr. Kreisrealschule II). Er hat 1916 vom Zahnarzt Echsle, der seine Praxis in der Stadt hatte und dessen Sommerhaus dies war, das Jugendstilhaus (aus Hartbrandbackstein) an der Schmausenbuckstraße/ Ecke Falterstraße gekauft. Auf diesem feinen Villengrundstück hat mein Vater in der Hungers- und Notzeit nach dem ersten Weltkrieg sogar Hühner und Kaninchen gehalten. Selbst eine Ziege graste im Garten.

W: Zum Zahnarzt sind wir als Kinder nie gegangen. Wir wurden zum approbierten Bader Balthasar Emmert geschickt. Der hat uns auf seinem Stuhl festgebunden und dann den Zahn gezogen.

H: Der Balthasar Emmert hat auch Haare geschnitten, zwar nicht nach der neuesten Fasson und auch nicht in einem komfortablen Salon, dafür aber wesentlich preiswerter gegenüber dem Friseursalon Schreitmüller auf der anderen Straßenseite. Und das war beim Kinderhaarschnitt ausschlaggebend. Seine Frau hat widerspenstigen Kindern den Kopf oft sogar halten müssen. Der Sohn Michel war Torwart beim Turnerbund, der zur völkischen Turnbewegung gehörte. Er ist im zweiten Weltkrieg gefallen. Der Büttners Heinz war Vereinsvorsitzender des Turnerbundes. Mit ihm und seiner Familie waren wir eng befreundet.

Ich habe 68 Jahre am Schmausenbuck gelebt. Die Zimmerhöhe war dort noch 3,2 m. Mein Vater hat einen Bajonettlüster gefertigt. Die Seitengewehre aus dem 70iger Krieg wurden dann gebogen und verwendet. Unsere Nachbarn in der Falterstraße waren die beiden jüdischen Familien Artur und Hugo Rosenfeld. Artur hatte vier Kinder. Der Sohn Herbert ist Arzt in England, die Tochter Edith ist in Schweden, das Schicksal von Marion und Inge ist mir unbekannt. Die Ehefrau von Artur Rosenfeld stammte aus der Humbserbrauerei. Die beiden Brüder waren Hopfenhändler. Wir haben als Nachbarn viel mit den Kindern gespielt. Den Rosenfelds gehörte auch ein Sportplatz auf der Südseite unseres Hauses (Einfahrt zum Tiergartenparkplatz). Dieser wurde von den Arbeitersportlern genutzt.

In der Schmausenbuckstraße wohnten noch weitere jüdische Familien. Nachdem in der Reichskristallnacht die SA in beiden Häusern Verwüstungen (Herunterreißen der Vorhänge und Zerschlagen des Kristalls) vorgenommen hatte, wanderten die beiden Familien aus. Das waren Mögeldorfer SA-Leute gewesen. Einen davon habe ich gekannt. Das war mir furchtbar zuwider. Es wurden die gewöhnlichsten Leute hingeschickt. Dr. Weber hat das Haus von Hugo Rosenfeld gekauft. Er war mit einer Kleyertochter verheiratet, die mit den Adlerwerken in Frankfurt zu tun hatte. Das Haus wurde 1943 zerstört, unsere Löschversuche waren vergeblich. Nach meiner Erinnerung wurde Mögeldorf insgesamt zu etwa 50% zerstört.

Anders als die Rosenfelds blieb der an der Ecke Schmausenbuckstr./Siedlerstr. wohnende Friedmann. Er war aus dem 1. Weltkrieg kriegsverwundet und Eierhändler in Fürth; er lebte in einer gemischtkonfessionellen Ehe. Das Haus der Friedmanns ist am gleichen Tag abgebrannt wie das Hugo Rosenfeld´sche. Da das benachbarte Weber´sche als erstes brannte, konnten wir das Friedmann´sche nicht mehr retten.

Neben dem evangelischen Kindergarten hatten zwar auch die Niederbronner Schwestern einen katholischen Kindergarten. In den Kindergarten sind wir aber nicht gegangen. Es waren so viele Kinder da, da bestand gar kein Bedarf für so etwas. Mein Vater hätte bei vier Kindern, wie die meisten andern Eltern auch, hierfür auch nichts aufwenden können. Der anschließende Wald war ein völlig ausreichender Spielraum für uns. Fleisch gab es nur 1x in der Woche, und selbst da gab es für die Kinder manchmal nur Kürbis. Hähnchen waren die Ausnahme, nur an Weihnachten gab es einmal Gans. Im Sommer trug man meist schwarze kurze Turnhosen. Eine ganz große Besonderheit war es auch, dass jemand einen Lederfußball hatte.

1. Klasse der Katholischen, Schulbeginn Ostern 1925, Lehrerin Frau Groß, Herr Hannwacker untere Reihe, dritter von rechts.

1925 bin ich in die Schule gekommen. Im Sommer ging es in meiner Kinderzeit barfuß in die Schule. Wir haben da hervorragende Lehrer gehabt. Ich habe von dem Deutschunterricht immer zehren können. Meine Stiefmutter hat durchgesetzt, dass ich in die katholische Schule gegangen bin. Die kath. Schule war die kleinste, darum haben wir zwei Klassen zusammen gehabt 1+2, 3+4. Lehrer: Frl. Groß 1. Jahr, da gab´s noch Tatzen (=Stockschläge auf die innere Handfläche) für schlechtes Arbeiten oder schwätzen, bei größeren Vergehen ist man noch über die Bank gelegt worden und dann ging´s mit dem Rohrstock feste drauf. 3. Klasse Koch, 4. Klasse Spindler. Alles gute Lehrer.

W: Ich bin Jahrgang 1921. Meine Familie ist schon seit Jahrhunderten in Mögeldorf ansässig, seit etwa 1600 gibt es Urkunden. Mein Großvater Georg Wölfel war der letzte Bürgermeister von Erlenstegen, solange es noch selbstständig war. Der Großvater betrieb dort ein Baugeschäft, in dem alle fünf Söhne als Maurer mitarbeiteten. Da ging schon was ein. Mein Großvater hatte solchen geschäftlichen Erfolg, dass er jedem Sohn 90.000 Goldmark bei der Eheschließung auszahlen konnte. Das liegt aber natürlich auch daran, dass die Söhne ohne großen Lohn für das Geschäft arbeiteten. Ein Anzug kostete da noch 11 Mark.

Mein Vater hat sich dann 1921 geschäftlich in Mögeldorf niedergelassen, er firmierte als "Maurer- und Tünchergeschäft". Mit seinem Erbteil erwarben meine Eltern die Anwesen Bürgweg 10 und 12. Diese Häuser waren einmal ein Schmuckstück und sind es jetzt wieder. Durch eine Luftmine sind sie im 2. Weltkrieg sehr stark beschädigt worden. Der östliche Giebel war ganz weg.

Mein Geburtshaus ist die Hammerstraße 9. Der Baumeister Künzel hat die ersten Häuser in der Hammerstraße gebaut; er war der erste Mann meiner Tante. In zweiter Ehe hat sie den Domänenrat Pörsch geheiratet und ist sehr vermögend geworden. Sie hat durch schlechte Vermögensverwaltung alles verloren und ist ohne Besitz verstorben.

Meine im Jahr 1884 geborene Mutter Quenzler stammt aus Mögeldorf. Meine Großmutter hatte einen Spezereiladen, wo heute die St.Ulrich-Apotheke ist. Sie hat noch Schnaps verkauft an die Fuhrleute, die die Sandsteine aus den Steinbrüchen vom Schmausenbuck nach Nürnberg an die Baustellen fuhren. Meine Mutter musste noch mit ihrem Bruder früh, bevor die Schule begann, mit dem Handwagen in die Stadt fahren und dort Brötchen in die Geschäfte bringen. In diesem Gebiet waren eine Reihe kleinerer Häuser und auch Hinterhöfe. Dort waren der Kern, der ein Kolonialwarengeschäft führte, der Sattler Fuchs sowie der Milchhändler Hufnagel.

Hammerstraße 9, Geburtshaus. 

Foto: Wölfel

Meine Mutter ist zu Beginn ihrer Schulzeit noch in das Schulhaus bei der evangelischen Kirche, welches es schon lange nicht mehr gibt, gegangen, später dann in das Schulhaus in der Ziegenstr. 31. Ich war in der Schule bei den Evangelischen. Es gab einen scharfen Trennungsstrich zu den Katholischen. In der Schule gab es ein Lese- und ein Rechenbuch und natürlich den Katechismus. Jeder hatte auch eine lederne Schultasche, die konnte man im Winter benutzen, um darauf bei Schnee den Kirchenberg hinunter zu rutschen. Die Tasche hat man beim Raffen (Raufen) auch vorne als Panzer verwenden können. Wenn der Unterricht aus war, gab es Gstechler (Raufereien) zwischen den Altmögeldorfern und den Blockerern. Mengenmäßig waren die auch gut beieinander. Es hat ja öfter mal einen Anlaß gegeben und sonst hat man einen gesucht. Da gab es eine scharfe Trennung. Altmögeldorf war schon etwas Besonderes. In der zweiten Klasse hat meine Mutter darauf bestanden, dass ich mir eine Glatze schneiden ließ, damit die Haare später besser wachsen, und das stimmte auch.

H: Ich bin mit langen Haaren in die Klasse gekommen. Neben mir ist ein Mädchen von Jobst gesessen, die hat Läuse gehabt, und prompt habe ich sie auch gekriegt. Es ist eine Tüte genäht worden, in die wurde Spiritus eingefüllt. Wenn man die Tüte dann abgesetzt hat, sind die Läuse besoffen gewesen und mit dem Läusekamm runtergerecht worden. Die Nissen (Läuseeier) sind dann noch zurückgeblieben. Als ich dann von den Läusen befreit war, habe ich kurze Haare bekommen.

W: In meiner Klasse war der Langfritz aus dem Weller, der hatte auch lange blonde Haare.

H: Im Fasching bin ich, solange ich lange Haare hatte, immer als Mädchen gegangen.

W: Meine Cousine hat noch die Frau Herrmann, die Tochter des Pfarrers Herrmann, als Lehrerin gehabt. Sie war ob ihrer Strenge gefürchtet. Nach acht Jahren Thusneldaschule lernte ich drei Jahre lang das Maurerhandwerk und war dann ein "ehrbarer Maurergeselle". Während meiner Lehrzeit haben wir ihr Haus (neben der Schönen Aussicht) auf einfache Art isoliert, weil es feucht war. Über dem Boden im Erdgeschoß haben wir mit einer Baumsäge eine Fuge durchgesägt, eine Steinschicht herausgestemmt, dabei immer einen Meter stehen gelassen, innen und außen einen Streifen Lehm angebracht und dann die Lagerfuge mit heißem Spezial-Asphalt ausgegossen. Der Asphalt wurde auf dem offenen Feuer erhitzt, Geräte hierfür gab es noch nicht. Als ich einmal mit dem heißen Asphalt in Berührung gekommen bin, hat mich dann Frau Herrmann recht nett behandelt. Das System hat gehalten, das Haus war dann trocken.

Der Köth war auch gefürchtet, weil er übertrieben streng auf Disziplin geachtet hat. Da ist man in der 8. Klasse im Turnunterricht schon fast vormilitärisch erzogen worden. Auch bei der Pausenaufsicht war der Köth gefürchtet.

M. Quenzler im Doktorskof.

 Foto: Wölfel

Wir führten die Maurerarbeiten beim Einbau der ersten Zentralheizung in unserer Kirche aus, sowie wir sämtliche Arbeiten für die Gemeinde tätigten. Im Verlauf dieser Arbeiten bekamen wir von Herrn Pfarrer Bammessel, einem guten und respektvollen Pfarrherrn, den Auftrag das Grab oder die Gruft vor dem Altar freizulegen, dabei war auch der Historiker Dr. Nagel. Die Arbeiten gestalteten sich aber zu schwierig und vor allem zu umfangreich, Herr Pfarrer Bammessel wollte den Kirchenfrieden nicht zu sehr stören und stellte deshalb die Arbeiten ein. In den Mittagspausen, die damals noch eine Stunde dauerten, schmökerte ich am Kirchendachboden in alten Kirchenbüchern und bestaunte das Werk der Kirchturmuhr. Nach dem Krieg fuhr ich mit meinem Dreirad und dem Bruder Hahn Lebensmittel von den Spenderstellen zur Verteilung an bedürftige Gemeindemitglieder.

H. Die Herrmann hat an ihrem Haus einen Spiegel anbringen lassen, um die Straße beobachten zu können. Und wenn ein Bettler geläutet hat und eine milde Gabe wollte, hat sie im Spiegel mit der Hand abgewunken. Die Hulda Brügel war die katholische Lehrerin. Sie war sehr angenehm, musste jedoch wegen ihres Vornamens viele Wortspiele erdulden (z.B. "ist denn kein Stuhl da ...für meine Hulda"). Daneben unterrichtete noch Frau Möhring. Der Lehrer Bibel war auch ein sehr netter Lehrer. Er war später für die FDP auch Stadtrat in Mögeldorf. Er war kriegsverwundet, er war wohl auch Hauptmann gewesen.

W: Soviel ich weiß, ist Herr Bibel an den Folgen dieser Verwundung verstorben. Er war sehr korrekt und auch sparsam.

H: Seine Frau stammte aus einer Möbelfabrik für Küchen in Georgensgmünd, Gruco denke ich.

W: Sparsam ging es auch sonst zu. So wurden in Mögeldorf die Fensterritzen noch mit Zeitungspapier ausgestopft, damit es wärmer blieb. Die ehemalige Bäuerin Margaret Frühwalden bedeckte sogar ihre Fensterscheiben mit Zeitungspapier.

Die Klassen waren etwa 35 Schüler groß. Die Katholiken waren vor dem Krieg noch nicht so viele in Mögeldorf.

H: Mein Vater ist als Katholik vom Kultusministerium bewusst ins evangelische Nürnberg versetzt worden. Er hat als Reallehrer in Fürth angefangen und ist dann später nach Nürnberg versetzt worden.

W: In Mögeldorf gab es viele Arbeitsstellen. Da war die Lederfabrik Kromwell (die Lederbuden), die Schnapsfabrik Noris, der Sport Berg. In den späten 20iger Jahren gab es in Mögeldorf auch Auseinandersetzungen. Parteipolitisch und klassenkämpferisch waren die Hammerstraße und die Marthastraße ein heißes Pflaster. Ich habe vor 1933 manchen mit blutigem Kopf aus dem Steigerturm herauskommen sehen.

Der alte Herr Horlamus war ein gestandener Sozialdemokrat. Er war beim Schreyer angestellt, hat mit einem Handwagen die Kohlenkörbe ausgefahren und hat dabei immer sozialistische Lieder gesungen.

H: Der war bei den Arbeitersportlern in der Falterstraße. Arbeiter-Turn und Sportverein, sog. Artusbewegung. Dieser Verein ist 1934 aufgelöst worden. Die "Oster" (SpVgg Nürnberg-Ost) waren damals unten im Pegnitzgrund. Auch Mögeldorf (Turnerbund Mögeldorf) war aufgelöst worden. Der Arbeitersportverein hat sich dann später mit der SpVgg Ost zusammengeschlossen.

W: Der ganze Klassenkampf war mit einem Mal zu Ende. Der ganze Haß war weg, da sind dann alle zusammen marschiert.

An den Parteitagen war das Lager des NS Kraftfahr-Korps (NSKK) unterhalb des Schmausenbucks. Ihren Vorbeimarsch übten sie in 12-er Reihen auf der Straße vom Schmausenbuck herab. Korpsführer war ein gewisser Hühnlein. Die hatten besonders auffällig geschnürte Stiefel.

H: 1937 habe ich nach 8 Jahren Abitur gemacht, weil damals schon viele Nachwuchsoffiziere gesucht wurden. Die ersten Wetterleuchten hat man da schon gesehen. Wir haben als erste Fremdsprache auch schon nicht mehr englisch, sondern französisch gehabt, da hat man schon gewusst, in der Richtung wird man sich dann einmal bewegen sollen. Bei den Wehrmachtsaufmärschen haben wir allerdings noch nichts geahnt. Bei Parteitagen war ich nicht dabei, weil ich nämlich beim Reichsarbeitsdienst in Sachsen war.

W: Am Parteitag "Tag der Wehrmacht" malten mein Freund und ich uns Karten, die so ähnlich aussahen wie die echten Eintrittskarten. Die haben wir dann im Gedränge hochgehalten und sind auf das Zeppelinfeld hineingekommen. Für uns Burschen war das ein Ereignis. Das Luftschiff "Hindenburg" ist auf dem Zeppelinfeld gelandet und nach kurzem Aufenthalt wieder gestartet. Der spätere General Udet hat mit seinem Doppeldecker auf der Schäferswiese seine Flugübungen gemacht. Auf dem Zeppelinfeld hat er Loopings vorgeführt und konnte im Rückenflug sogar vom Boden ein Taschentuch aufheben. Wie die ersten leichten Panzer einfuhren, hat das Volk gejubelt, dass wir wieder etwas darstellen in der Welt. Höhepunkt der Vorführungen war die Parade, wobei der Vorbeimarsch der Marineunteroffizierschulen und der Aufzug der Kavalleriemusikkapellen schon eine Schau waren. Bei den Parteitagen waren ca. eine Million Menschen in der Stadt. Jeder hat sich darum gerissen, eine Einquartierung zu bekommen. Es war eine Ehrensache, einen Quartiergast aufzunehmen. Diese kamen dann in den folgenden Jahren auch immer wieder.

H: Als ich noch im Neuen Gymnasium war, wo heute das Neue Museum steht, hat sich herumgesprochen, dass Hitler da war. Wir sind zum Deutschen Hof gerannt und haben uns heiser geschrien: "Lieber Führer sei so nett, zeige dich am Fensterbrett." Stundenlang sind die Leute gestanden, bis er sich hat erweichen lassen. Und später ist dann der Sepp Dietrich mit der SS-Leibstandarte aufgezogen mit weißem Koppelzeug und weißen Riemen. Es war eine Pracht. Es waren alle so eingestellt. Heute meint man, dass die Leute früher alle verrückt waren. Uns haben damals einfach die Informationen gefehlt. Selbst wenn wir die Informationen damals vollständig gehabt hätten, wir hätten sie womöglich gar nicht geglaubt. Die Leute waren damals fasziniert, ohne das bittere Ende zu erkennen.

KdF-Stadt im Zabo 

Foto: Wölfel

W: Hitler ist einmal am Bahnhof an mir vorbeigefahren. Die Leute waren wie hypnotisiert.

H: In der damals aufkommenden Medienzeit hat der Propagandaminister alles getan, damit Hitler eine Ausstrahlung verschafft wurde.

W: Kraußers Rollschuhbahn ist von meinem Vater gebaut worden. Für so einen Handwerksbetrieb war das eine Leistung. Der Beton wurde von Hand gemischt und eingebracht. Die Kraußer´s Töchter Irmgard und Dorle wurden von uns bewundert, sie brachten es zu Meisterschaften.

H: Ich habe 1935 Rollschuh mit richtig schweren Bleirollen bekommen und bin auf der Bahn gefahren. Viele Bewegungen hat man damit nicht machen können.

W: Der Ernst Eckert, Direktor von der Vauen-Pfeifenfabrik lebte in Mögeldorf. Er hat sich die Hausaufgaben vom Quenzler Georg (Schreiner) machen lassen, weil der so gut war.

H: Einmal im Jahr hat es einen Schulausflug gegeben. Von zu Hause habe ich 20 Pfg. bekommen, das war etwas ganz Außergewöhnliches.

In Vereinen waren wir nicht aktiv, das hätten wir uns nicht leisten können. Wie fast alle unsere Mitschüler waren wir bei der Hitlerjugend.

W: Ich war bei der Marine-Hitlerjugend. Sport und Kameradschaft war bei uns großgeschrieben. Die Marinejugend hatte eine besonders attraktive Uniform, insbesondere die weißen Litzen stachen ins Auge. Wir trugen eine weiße und eine blaue Uniform. Einige Mögeldorfer waren bei uns dabei. Mittwoch Abend war Theorie im Schuldturm, am Sonntagvormittag war dann Außendienst am Wasser am alten Kanal oder Ausmarsch. Beschäftigt waren wir immer und es hat Spaß gemacht. 1937 durfte ich mit 11 anderen Buben eine Woche auf dem Patenschiff der Stadt, dem "Kleinen Kreuzer Nürnberg" bei Manövern auf der Ostsee mitfahren. Das Schiff ging bei Kriegsende unbeschädigt an die Russen über. Ein Modell des Schiffes hatten wir damals auch.

Nach meiner Berufsausbildung als Maurer habe ich zwei Semester Vorkurs an der Berufsoberschule belegt. Dann habe ich drei Semester am Ohm studiert.

H: Ich habe nach meinem Arbeitsdienst keinen Wehrdienst geleistet, weil ich aus gesundheitlichen Gründen nicht tauglich war. 1939 am 1. Mobilmachungstag bin ich entlassen worden. Ich war traurig, weil ich meinem Land dienen wollte. 1943 habe ich mich nochmals hinter dem Rücken meines Vorgesetzten, dem Finanzamtsvorsteher von Selb, gemeldet. Ich hatte dann zwar eine Vorstellung in Marktredwitz. Aber obwohl ich alle Marken für Lebensmittel und Zigaretten schon abgegeben hatte, bin ich wieder durchgefallen. Ich habe noch eine Urkunde über die Beförderung vom außerplanmäßigen zum planmäßigen Steuerinspektor. Es steht darauf geschrieben, der Schutz des Führers ist ihm gewiß.

W: Wir waren 1940 und 1941 im Hörsaal auf jeden neidisch, der seinen Einberufungsbefehl bekam. Man hat damals gedacht, hoffentlich kommst du noch zum Zug, hoffentlich kannst du noch mitmachen und versäumst nichts. Im Februar 1941 bin ich dann zu den Fahnen geeilt. Den Russlandfeldzug machte ich von Anfang an mit, wurde verwundet und kam 1943 zur Offiziersausbildung nach Berlin. Ich habe dann in der Nähe der Offizierschule von Berlin meine Frau kennengelernt. 1944 kam ich als Zugführer an die Kurlandfront in den Kessel. 1944 wurde ich zu den Panzerpionieren versetzt und nach einem Kompanieführerlehrgang in Regensburg kam ich an die Südfront und geriet dort am 8. Mai 1945 in amerikanische Gefangenschaft. Anfangs bauten wir in Florenz für die Amerikaner Vergnügungsstätten. Die Kost war dürftig und schmal. Am 11. Januar 1946 kam ich nach Hause.

H: Ich bin 1943 wegen eines gesundheitlichen Problems wieder nach Nürnberg gekommen. Ich bin auf dem Foto im Mögeldorfbuch, das uns beim Währungsumtausch im Jahr 1948 zeigt. Damals waren wir noch sehr dünn. Das Foto hat der Konni Hofer-Beck gemacht., Fotoropa hat er sich genannt. Er war ein sogenannter ewiger Student mit seinen Schmissen.

Den Durchmarsch der Amerikaner habe ich nicht unmittelbar selbst miterlebt. Weil wir ausgebombt waren, sind wir in der Fürther Str. untergekommen.

Vom Hörensagen weiß ich, dass die Norisbrennerei, die Zeltnerbrauerei und die Züge am Bahnhof geplündert wurden.

W: Die Zeiten nach dem Krieg waren hart. Beim Einmarsch der Amerikaner gab es auch in Mögeldorf Zwischenfälle. Am Bürgweg gab es die Spezereienhändlerin Beck, die war neugierig und hat aus der Tür geschaut und wurde dabei von den Amerikanern erschossen. Mein Vetter H. Müller, der in der Gleisshammerstr. wohnte, hatte in Zivil seine Erkennungsmarke von der Wehrmacht noch nicht abgenommen. Er wurde von den Amerikanern in den kath. Pfarrhof gebracht und dort erschossen. Ein anderer Verwandter, der von Erlenstegen ein paar Hühner geholt hatte, ist beim Gang über den Steg sinnlos erschossen worden. In der Lechnerstraße wurde der Schreinermeister Blank umgebracht. Die Amerikaner waren nicht zimperlich.

1936 - Gemeinsames Gemüseputzen für den 1. Mai und die Kirchweih

Foto: Wölfel

H: Ich habe, wie ich beim Blessing gearbeitet habe, gehört, dass in Ebensee Tochter und Mutter von Negern vergewaltigt wurden. Ich habe nur von diesem Fall gehört, weil hierüber geschwiegen wurde, auch wenn man nichts dafür konnte.

W: Die Simons aus der Laufamholzstraße wurden auch im Schmausenbuckwald erschossen, angeblich von Polen.

H: Wie wir dann wieder in der Schmausenbuckstraße waren und versucht haben, wieder aufzubauen, habe ich erlebt, wie die Polen in den Tiergarten reingegangen sind und alle Tiere erschossen haben. Ich habe gesehen, wie zwei Polen vom Tiergarten einen Bären an einer Stange nach Mögeldorf getragen haben.

W: Nach dem Nachweis von Schutträumstunden am Ohm konnte ich nach zwei Semestern im Frühjahr 1947 mein Studium abschließen. In meinem heutigen Haus haben Amerikaner gewohnt. Nach dem Krieg hatte mein Vater, der Parteimitglied gewesen war, große Schwierigkeiten. Sein Geschäft wollte man ihm wegnehmen. Er hat nie Arbeiter vom Arbeitsamt bekommen. Das war der Dank, dass er etliche Mögeldorfer aus verschütteten Luftschutzkellern gerettet hat. Auch mit unserer Wohnung hatten wir dann enorme Schwierigkeiten und lebten dürftig. Da es das Geschäft nicht getragen hat, bin ich erst ein paar Jahre in Stellung gegangen. Als der Vater verstorben war, habe ich das Geschäft übernommen. Mein erster Auftrag war das jetzt abgerissene Wartehäuschen am Mögeldorfer Plärrer. Das habe ich noch mit Leuten gebaut von Firmen, bei denen ich Bauführer war, weil ich noch keine eigenen Leute hatte.

H: Ich hatte die Chance, beim Finanzamt nach der Loritz-Entnazifizierung wieder eingestellt zu werden. Beim Turnerbund haben wir dann gesungen: "Haben Sie noch kein Loritzbild? Wer kein´s hat, der braucht noch eins ..." und "wir wollen unsern alten Stadtrat Bibel wieder hab´n". Der Vorsteher des Finanzamts Ost hätte mich wieder eingestellt. Ich wollte aber nicht mehr zurück ins Finanzamt und habe mich selbständig gemacht.

W: In 40 Jahren habe ich etwa 100 Häuser gebaut. Unsere Stärke waren Reparaturarbeiten.

Von den Mögeldorfer Heften habe ich von Nummer 1 angefangen alle in gebundener Weise.

Ein besonderes Original waren der Schneiders Loidl (Leonhard) und seine Schwester, die Scharrers Rettl. Als meine Mutter gestorben ist, kam die Scharrers Rettl zu mir und hat gefragt, ob sie nicht das Gebiß haben könnte.

An sonstigen Vorkommnissen in Mögeldorf ist vielleicht noch zu erwähnen, dass die Villa vom Metzger und Böhm und auch die Eiche einmal ausgebrannt sind. 1927 war es so kalt, daß das Wasser im Schlauch gefroren ist und somit die "Eiche" nicht mehr gerettet werden konnte. Ich habe als Kind selbst miterlebt, wie die Feuerwehrschläuche beim Steigerturm, an dem ein Holzturm angebaut war, aufgehängt und wie dort von der Freiwilligen Feuerwehr Feuerwehrübungen gemacht wurden. Nach den Übungen wurden dann im Steigerturm die Brände gelöscht.

Die Mögeldorfer Baufirma Andreas Munkert hat auf der Weltausstellung in Paris den deutschen Pavillon gebaut. Am Bürgweg gab es damals noch die Mühlsteinfabrik von Georg Kuhn. Kromwell hieß die Lederfabrik. Von dort kamen bei bestimmten Windrichtungen immer furchtbare Gerüche. Wir hatten einen Mieter, den Fritz Reuter, wenn der immer am Anfang des Monats mit seinem Büchlein zum Mietezahlen kam, wie dies früher üblich war, dann musste man hinterher lüften, so stank das. Das war dort eine schwere Arbeit.

Heute ist Mögeldorf anonym geworden. Früher hat man jeden gekannt. Wenn man früher zum Einkaufen gegangen ist wie meine Mutter, spielte Zeit keine Rolle. Traf sie ein Schulfreundin, haben sie unterwegs geratscht .Das war damals durchaus gemütlich, es hat schon so seine 2 - 3 Stunden dauern können. Früher war das Leben in Mögeldorf schön. Mögeldorf ist aber auch heute noch lebenswert. Die Mieter, die wir im Bürgweg hatten, hat es alle wieder nach Mögeldorf zurückgezogen.

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letzte Änderung: 29.03.02