Zurück

Gregorio - Gastarbeiter in Mögeldorf

Nach Gesprächen mit Gregorio L. aufgezeichnet von Elfriede Schaller

Ostern 1963 in Lizzano, einem kleinen Ort in Apulien im Süden Italiens. Pietro, ältestes von acht Kindern, hat Urlaub und ist zu Besuch bei seiner Familie. Er arbeitet in Deutschland, zuerst als Streckenarbeiter bei der Bundesbahn in Kassel, jetzt in Nürnberg bei der Lederfabrik Kromwell. Die Kusine schafft dort schon einige Zeit und als Pietro sie einmal besuchte, meinte sie: "Bleib da. Hier werden so viele Leute gesucht. Das Schottern bei der Bahn muss nicht sein." Nun erzählt Pietro von seinem Leben in Nürnberg. Der 17-jährige Gregorio hört zu und im Spaß sagt er: "Kannst mich gleich mitnehmen!" So ganz Spaß war es doch nicht. Gregorio hatte zwar Arbeit in der Landwirtschaft, aber als er den Führerschein machen wollte, bekam er Ärger mit seinem Chef. Warum nicht in Deutschland arbeiten? Die Sache nahm ihren Lauf. Die Kusine in Nürnberg wurde angerufen, sie fragte den Betriebsleiter Büttner. "Der kann ruhig kommen. Wir haben Arbeit genug. Wenn er noch nicht volljährig ist, braucht er die Genehmigung der Eltern und der Bruder muss halt auch ein wenig aufpassen."

In diesen Baracken wohnten die Gastarbeiter

So kam es, dass Gregorio am 7. Mai 1963 mit seinem Bruder in Nürnberg ankam. Gearbeitet haben sie im Werk in der Laufamholzstraße, gewohnt ein wenig außerhalb von Mögeldorf, in einer der Baracken beim Werk 2 von Kromwell am Thumenberger Weg. Einige dieser Baracken stehen heute noch und werden von Handwerksbetrieben genutzt. 1963 lebten dort etwa 30 Beschäftigte in Viererzimmern. Es gab Duschen und eine Gemeinschaftsküche. Vorwiegend Italiener wohnten dort. Das war etwas Heimat in der Fremde, aber der Nachteil war, dass man nur italienisch sprach.

Schon am ersten Abend musste Gregorio lernen, wie man in einem Land zurecht kommt ohne die Sprache zu können. Der große Bruder musste länger arbeiten und so schickte er den kleinen zum Einkaufen. Beim Bäcker Peter in der Ostendstraße sollte er Brot holen. Die Frau Peter übte mit ihm gleich ein wenig Selbstbedienung. Er durfte sich sein Brot selbst aussuchen. Das war ein Mischbrot wie es damals halt gebacken wurde. Weil sie hungrig waren, schmeckte es den jungen Italienern auch. Das Brot in Apulien war etwas anders, nicht unbedingt heller, aber es war knuspriger gebacken. Doch die deutschen Bäcker waren lernfähig und gingen auf die Wünsche der Italiener ein. Später kam sogar ein Bäcker ins Quartier und brachte Brot auf Bestellung.

Mit dem Bäcker Peter war Gregorios Einkauf nicht beendet. Bei Rodi in der Kinkelstraße gab es damals schon richtige Selbstbedienung. Gregorio suchte sich seine Lebensmittel aus und die Kassiererin suchte sich ihren Betrag aus seinen Scheinen aus. Sie wirds schon recht gemacht haben.

Das Einkaufen beschränkte sich nicht auf die Mögeldorfer Geschäfte. Wenn einer der Italiener am Samstag frei hatte, fuhr er mit der Straßenbahn in die Stadt, auf den Markt, in den Kaufhof, in die Kaufhalle. Man stieg in Mögeldorf in die Linie 3 und wenn man die Fahrt innerhalb zweier Stunden beendet hatte, konnte man auf dem gleichen Fahrschein mit der Linie 8 zurück zum Thumenberger Weg fahren.

Betrieb am Thumenberger Weg

Betriebsgelände Kromwell in der Laufamholzstrasse 1961.

Gregorio musste mit jedem Pfennig rechnen. Er fing mit einem Stundenlohn von 63 Pfennig an. Das war so wenig, weil er mit seinen 17 Jahren noch minderjährig war und deshalb eigentlich Anspruch auf Vergünstigungen wie z.B. eine Stunde Mittagspause hatte. Als er den Vorarbeiter einmal deswegen ansprach, wehrte der ab: "Des hab ich auch nicht gehabt."

Es wurden damals 48 – 40 Stunden pro Woche gearbeitet, der Samstag war ein halber Arbeitstag. Manchmal musste auch am Sonntag im Werk etwas kontrolliert oder vorbereitet werden.

 

Wie sah die Arbeit in einer Lederfabrik damals aus?

Die rohen Rinderhäute kamen entweder bereits gesalzen oder auch frisch geschlachtet vom Schlachthof. Sie wurden für einige Tage in Wasser eingeweicht und kamen dann in die sogenannten Fleischmaschinen. Die arbeiteten wie Walzen. Fleischfasern und Haare wurden entfernt und die Haut geglättet. Anschließend wurde das Leder gespalten und die Häute zum Gerben in riesige Holzfässer mit der Gerbflüssigkeit gebracht. Diese Fässer rotierten so lang bis das Leder "fertig" war. Es wurde dann verfeinert und gefärbt, oft nach vorgegebenen Farbmustern, z.B. olivgrün für die Bundeswehr.

Das Hantieren mit den Häuten war eine schwere Arbeit. Dazu hatten die rohen Häute einen strengen Geruch. Wenn Schulkinder ins Werk kamen, hielten sie sich die Nase zu. Die Arbeiter waren bald an den Geruch gewöhnt und wenn man sich bei Arbeitsschluss geduscht und umgezogen hatte, war man wieder ein feiner Kerl.

Gregorio war zu Beginn seiner Tätigkeit vor allem beim sogenannten Schleifen, d.h. beim Auftragen von Sägemehl auf die Häute beschäftigt. Später hat er Leder sortiert und war der Vertreter des Meisters. Aber für ihn galt das, wie es auch der Meister hielt: Man packt dort an, wo es nötig ist.

Herstellung von Rohleder.

In den ersten Monaten seines Aufenthalts hat er sich wohl nicht vorstellen können, dass er es in Mögeldorf lange aushalten könne. Es war eine harte Zeit. Die Familie und die Fürsorge der Mutter fehlte. Zuhause in Kalabrien wenn man von der Arbeit kam, war alles hergerichtet, die Wäsche war gewaschen, die Mutter hatte gekocht und hier musste man alles selber machen. Das Leben musste in eigener Verantwortung organisiert werden. Die anfallende Hausarbeit wurde verteilt: Waschen, Hausordnung, Einkaufen, Kochen (nicht bloß Nudeln!)

Als im Sommer bei Kromwell Betriebsurlaub war, hatte Gregorio nach nur drei Arbeitsmonaten keinen Anspruch auf Urlaub. Er musste mit wenigen anderen im Werk einen Notdienst aufrecht erhalten, die übrige Belegschaft war weg. Er fühlte sich einsam, das Heimweh nagte an ihm.

Dann kam der Winter 1963/64. Der war streng. Wenn Gregorio über die damals noch nicht ausgebaute Flußstraße über den kalten und nebligen Pegnitzgrund marschierte und an der Verkehrsinsel in der Senke den Berg hinauf in die Laufamholzstraße stieg, war er nicht nur äußerlich durchgefroren. Es passierte auch, dass die Pegnitz die Straße überschwemmt hatte und man den nicht ganz nahen Umweg über den Ebenseesteg machen musste.

Als Gregorio Weihnachten 1963 den ersten Urlaub hatte und mit seinem Bruder heimfuhr, blieb dieser in Lizzano. Er hatte wieder Arbeit in der Heimat gefunden. Vielleicht wäre Gregorio am liebsten auch geblieben. Aber er hatte seinen Vertrag und außerdem hätte er in Italien Militärdienst leisten müssen. Wenn er aber bis zu seinem 27. Lebensjahr im Ausland arbeitete, bekam er seinen Entlassungsschein. Für den Bruder gab es dieses Problem nicht. Als ältestes von acht Kindern war er vom Militärdienst befreit.

Der erste Schnee in Deutschland.

Gregorio richtete sich also in Mögeldorf ein. Das Betriebsklima bei Kromwell war nicht schlecht und er kam gut mit den Leuten aus. Gab es böse Worte, Sticheleien? Nannte man ihn den "Spaghettifresser?" – "Ach, das sagen die Leute heute auch noch! Das kommt darauf an, wie einer das sagt. Der Ton macht die Musik!"

Wie sah die Freizeit für den jungen Italiener aus? Er spazierte mit den Kollegen in den Pegnitzgrund und im Sommer konnten sie gleich unterhalb des Kromwellgeländes in der Pegnitz baden. Man ging auch gern zu einem Bier in den Steigerturm. Bier war ein neue Erfahrung. Daheim wurde Wein aus eigenem Anbau getrunken. Man ging öfter ins Kino, in die Filmbühne in der Ostendstraße oder in die Stadt. Im Jägerheim in Zabo spielte am Wochenende eine Kapelle, im Fasching gab es in den Wirtschaften Kappenabende. Später wurde auch das Tanzen wichtig: In den "Vier Jahreszeiten" am Rathenauplatz, im "Wintergarten" in der Luitpoldstraße, im "Edelweiß" in der Adlerstraße und nicht zuletzt im "Weindorf" in der Königstraße, wo er 1967 seine deutsche Frau kennenlernte. Die Eltern der Freundin wollten nichts von einem italienischen Schwiegersohn wissen und die Eltern von Gregorio waren auch nicht begeistert von einem deutschen Mädchen. Die jungen Leute setzten sich durch. Als 1969 geheiratet wurde, waren beide Familien hoch zufrieden.

Im Jahr 1965 kaufte Gregorio sein erstes Auto, keinen Fiat, sondern einen gebrauchten VW 1300. Jetzt konnte er die fränkische und oberpfälzische Umgebung erkunden und die Reise nach Apulien war in zwei Tagen zu bewältigen. Parkplatzprobleme gab es damals in Mögeldorf nicht. Entweder man parkte vor dem Haus oder auf dem Firmengelände.

Zum Heimischwerden in Deutschland gehörten auch bessere Sprachkenntnisse. Gregorio ging zweimal pro Woche in Sprachkurse der Carl-Duisberg-Gesellschaft. "Wir waren die Dümmsten" schmunzelt Gregorio heute. Kein Wunder. Die Kurse wurden von Ausländern aus den verschiedensten Nationen besucht. Viele Teilnehmer hatten ein Studium, arbeiteten als Ärzte oder Ingenieure hier in Nürnberg. Der junge Italiener lernte dort nicht nur Deutsch sprechen, sondern auch etwas Grammatik und den Unterschied zwischen Schriftdeutsch und dem Mögeldorfer Dialekt in der "Lederbudn".

Obwohl Gregorio von Anfang an gute Kontakte zu deutschen Kollegen hatte, war es doch wichtig, dass die Italiener zusammenhielten und sich gegenseitig beistanden. Die "Neuen" waren auf die Unterstützung der "Alten" angewiesen. Er war noch nicht so lange in Mögeldorf, da stand für Gregorio der erste Arztbesuch an. Er hatte Hühneraugen. Er sollte zu Dr. Trabold, damals fast wie ein Werksarzt bei Kromwell. Da gab es einen Angelo, in der Firma so bekannt wie ein bunter Hund. Der war sein Begleiter, Dolmetscher und Beistand. Dr. Trabold fackelte nicht lange und schälte das Hühnerauge mit einem Messer heraus. Gregorio wurde etwas blass, aber er befand sich samt seinem Beistand schnell wieder draußen. Vor dem Haus mussten sie sich auf die Treppen setzen. Ihnen beiden war schlecht.

Später war es Gregorio, der sein Freunde unterstützen konnte. Einmal hatte er ein etwas schlimmeres Arzterlebnis mit einem Landsmann. Der Kollege bekam in der Nacht heftige Magenbeschwerden. Dazu tobte ein arges Gewitter. Wohin sollte man sich wenden? Sie läuteten bei einem Arzt, der schon behandelt hatte, aber der reagierte nicht auf das Klingeln. So brachte er den Freund selber ins Krankenhaus, wo er in der gleichen Nacht operiert wurde. Der Kollege lebt heute noch bei bester Gesundheit.

 

Woran erinnert sich Gregorio, wenn er an das "alte" Mögeldorf denkt?

Da war die alte Ortsstraße (heute Ostendstraße östlich des Plärrers) mit ihrem Kopfsteinpflaster. Durch das schmale Gäßchen der Christophstraße kommt man runter zur Senke in der Mögeldorfer Hauptstraße. Da gab es einen Lebensmittelladen, von zwei älteren Frauen geführt. Auf dem Heimweg von der Arbeit konnte man hier noch seinen frischen Salat mitnehmen. Wo heute die Bäckerei Beck ist, war eine Zeitlang ein Schreibwarenladen. Der Besitzer konnte etwas Italienisch und unterhielt sich immer so nett mit den Italienern, auch wenn sie nur ihre Briefmarken kauften.

Es gab damals noch viele schöne kleine Läden. Gegenüber dem Kaufmarkt war eine Metzgerei. Dort kaufte die Vesperfrau, der die Arbeiter ihre Bestellung aufgetragen hatten. Im Steigerturm holte man sich am Donnerstag die Schlachtschüssel, an einem andern Tag gabs die dann in einer anderen Wirtschaft. Die Schlachtschüssel war nicht nur bei den Deutschen beliebt. Auch die Italiener kannten sie von der Heimat her. Was Gregorio noch nicht kannte, war das fränkische Sonntagsessen. Einmal spazierte er mit einem Freund im Pegnitztal. Sie kamen mit einem älteren deutschen Ehepaar ins Gespräch, der Mann war in England in Gefangenschaft gewesen. Vielleicht war er deshalb Fremden gegenüber zugängiger. Jedenfalls wurden die beiden Italiener für den nächsten Sonntag zum Essen eingeladen. Die Hausfrau tischte nach einer köstlichen Hochzeitssuppe Schweinebraten und Klöße auf, wobei Gregorio sein Knödel fast nicht hinunter brachte. Inzwischen ist er aber ein begeisterter Kloßesser geworden.

Einige Jahre hindurch organisierte in der Firma ein "Büttner" (nicht der Betriebsleiter) Omnibusreisen. Der Büttner war ein "Urviech" und die Reisen, die meist an Pfingsten stattfanden, waren ein Erlebnis.

Schön waren die jährlichen Betriebsfeste bei Kromwell im Herbst. Waren die jungen Mädchen scharf auf die Italiener? "Na ja, so jung warns nimmer!" Aber es herrschte gutes Einvernehmen mit den meist etwas älteren Arbeitern, die fast alle in Mögeldorf oder Laufamholz wohnten. Es gab auch noch griechische Familien.

Wie haben Sie mit denen gesprochen? "Wir ham jede Sprach könnt!" Die Verständigung klappte mit wenigen Wörtern und Zeichensprache. Genauso ging es im Betrieb. "Wenn wir Sägemehl streuen sollten, dann hat uns das der Meister schon gezeigt und wenn wir Leder aufhängen sollten, haben wir ihn auch verstanden."

Gregorio lebt heute noch in Nürnberg mit Frau und bereits erwachsenen Kindern, natürlich längst nicht mehr in der Baracke am Thumenberger Weg, sondern in einem schmucken Haus in einem anderen Vorort. Bereits 1967 verbesserte er seine Wohnung und zog mit einem deutschen Kollegen auf das Firmengelände in der Laufamholzstraße. Dort hatten sie ein Zimmer gemeinsam und durften Küche und Bad in der Wohnung benutzen. Später hat er mit Familie in der eigenen Wohnung in der Laufamholzstraße gewohnt, die Kinder waren im Kindergarten St. Karl, die Tochter ging noch ein Jahr in die Billrothschule bis die Familie 1979 das eigene Haus bezog.

Bei Kromwell hat Gregorio bis zur Schließung das Werks im Jahr 1973 gearbeitet.

Zurück

Seite drucken

© Copyright Bürger- und Geschichtsverein Mögeldorf e.V. Seitenanfang