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Die Mögeldorfer Gemeindeordnungen von 1594


Teil 2


von Martin Schieber


Entgegen der ursprünglichen Planungen folgt auf den Text der Gemeindeordnung von 1594 nun nicht der Text derjenigen von 1625. Der Fund von zwei Aktenstücken im Nürnberger Stadtarchiv macht es möglich, noch ein wenig über die Hintergründe und Konflikte im Zusammenhang mit dem Erlaß der ersten Gemeindeordnung von 1594 zu erfahren. Daß dabei die Konfliktlinien nicht allein zwischen den Dorfbewohnern und der Obrigkeit verliefen, sondern auch zwischen den Dorfbewohnern und den Grundherren selbst, ist einer der Schlüsse, die man aus dem Schriftwechsel ziehen kann. Der Fall zeigt sehr anschaulich, daß es innerhalb einer Gemeinde wie Mögeldorf scharfe Gegensätze zwischen den reichen Bauern, die viele Felder bewirtschafteten, und zwischen den Köblern gab, die mit wenigen Stück Vieh und oft nur dem Garten um ihr Haus ein Auskommen suchen mußten.

Der Konflikt, den uns die beiden Schriftstücke aus den Jahren 1595 bis 1597 überliefern, entzündete sich an einer schier belanglosen Sache: Ein Tucherischer Untertan aus Mögeldorf, Georg Prechtel, der als Köbler nur wenig Grund zur Verfügung hatte und sich seinen Lebensunterhalt durch die Korbmacherei aufbesserte, hatte bis zu sechs Fuder Mist nach außerhalb der Gemeinde verkauft. Dies war laut Paragraph 28 der Gemeindeordnung von 1594 verboten, denn dort heißt es: "Item eß soll auch aller mist in der gemain bleiben und niemandt frembdts verkhauft werden dann wer in der gemaindt ist." Eine Ausnahme galt nur, wenn sich innerhalb der Gemeinde kein Käufer finden sollte. Derselbe Paragraph regelte auch die Strafe, die bei einem Verstoß an die Gemeindekasse zu zahlen war; sie betrug 63 Pfennig.

Georg Prechtels Mistverkauf verstieß also nach Meinung der Vierer gegen die Gemeindeordnung - offenbar hätte es durchaus Käufer in der Gemeinde selbst gegeben. Da sich Prechtel nun weigerte, die Strafe zu zahlen, und darin auch noch von seinem Grundherren Caspar Tucher unterstützt wurde, wandten sich am 20. März 1595 die zwei der Mögeldorfer Vierer, nämlich Georg List und Hans Simon, an das Landpflegamt in Nürnberg. Die beiden Ratsherren Joachim Nützel und Wolf Löffelholz nahmen die Aussage entgegen und protokollierten sie. 1 Löffelholz hatte im Jahr vorher die Mögeldorfer Gemeindeordnung eigenhändig zusammen mit seinem Kollegen Carl Tetzel besiegelt und damit in Kraft gesetzt. Aus dem Protokoll wird deutlich, daß die Vierer sich über Georg Prechtel und Caspar Tucher ärgerten, da sie ihnen solche Unannehmlichkeiten bereiteten. Zugleich halten die Protokollanten fest, daß auch Caspar Tucher als einer der für Mögeldorf zuständigen Grundherren ein Vorab-Exemplar der Gemeindeordnung erhalten und nach Durchsicht wieder mit seinem Einverständnis ans Landpflegamt zurückgeschickt habe.

Eineinviertel Jahre später erst datiert das zweite erhaltene Schriftstück, ein ausführlicher Schriftsatz Caspar Tuchers, in dem er dem Landpflegamt seine Sicht der Dinge darlegt. 2 Der Fall des Mistverkaufs seines Untertanen Georg Prechtel dient Tucher als Anlaß, seine Ablehnung der Mögeldorfer Gemeindeordnung an sich kundzutun. Er wirft dem Landpflegamt in Person der beiden Landpflegschreiber Carl Tetzel und Wolf Löffelholz vor, die Gemeindeordnung nicht rechtmäßig in Kraft gesetzt zu haben. Er selbst als betroffener Grundherr habe niemals ein Vorab-Exemplar in Händen gehabt. Daß Tetzel und Löffelholz ihr Siegel zu Recht auch im Namen der anderen Grundherren am Original der Gemeindeordnung anbrachten, streitet Tucher vehement ab. Er unterstellt den Landschreibern sogar indirekt korruptes Verhalten, seien sie doch diejenigen, die am meisten Untertanen in Mögeldorf ihr Eigen nannten; außerdem könne man von Ratsherren eigentlich nichts als korrektes Verhalten erwarten...

Nach Tucher repräsentierte die Gemeindeordnung mehr die Sache der reichen Bauern und der Patrizier, die Felder in eigener Regie bebauten. Den Armen, wie seinem Hintersassen Prechtel, sei von vornherein jegliche Mitsprache genommen, sie seien sowieso nur mit dem Text der Gemeindeordnung konfrontiert worden, ohne vorher ihr Votum dazu abgeben zu können.

Inwieweit die Haltung Caspar Tuchers, mit der er seinen Patrizierkollegen gegenüber eine klare Frontstellung einnimmt, auf einem echten sozialen Gewissen beruhte oder eher aus Wut darüber entstand, daß er bei der Entscheidungsfindung nicht konsultiert worden war, kann anhand seines Textes nicht zweifelsfrei entschieden werden. Ebenso kann letztlich nicht gesagt werden, ob nun Tucher recht hatte und im Zustandekommen der Gemeindeordnung ein gewisses Element von Korruption eine Rolle spielte oder nicht. Er kann durchaus ein Vorab-Exemplar erhalten haben und die Durchsicht für müßig angesehen haben, verfügte er doch nur über einen einzigen Untertanen in Mögeldorf. Erst als dieser in Konflikt mit der Gemeindeordnung kam, begann Tuchers Interesse zu erwachen. Der Rat scheint eher der Auffassung gewesen zu sein, Tucher habe unrecht; diesen Schluß läßt zumindest die Aktennotiz zu, die auf Blatt 4v von Tuchers Schreiben vermerkt ist: "An heut hat her Jacob Tucher starck diß hendelein herein in di landpflegstuben getragen, welchs bei meinen herren nit gelassen worden, solls also ers lassen, 25. october anno 1597." Die Frage war also noch einmal eineinviertel Jahre im Raum gestanden, ohne daß eine Lösung gefunden wurde. Tuchers nochmalige Intervention wurde offenbar niedergeschlagen.

Interessant ist in diesem Falle dennoch die eindeutige Stellungnahme Tuchers gegen das Landpflegamt und die Gemeindeordnung. Zugleich wird deutlich, wie konfliktreich im Einzelfall die schriftliche Fixierung von bislang mündlich überliefertem Recht sein konnte.

Stadtarchiv Nürnberg A 26, Rep. 100g, Nr. 241

Caspar Tucher wegen der Mögeldorfer Gemeindeordnung, 1595-1597

Schriftstück 1:

[fol. 1r]

Actum zu der landpflegstuben auß bevelch der beruefen f[ursichtigen] und w[eisen] herren Joachim Nützels und herren Wolffen Löffelholzs, Freitag den 20. Martii 1595.

Georg List und Hannß Simon, bede vierer zu Megeldorff, sind aus bevelch irer mitvierer herein in die landpflegstuben abgefertigt worden und haben angezeiget: Nachdem ein e[rbar] rhat, meine herren, auf ihr underthenig supplication vor zweyen jharen der gemein zu Megeldorff ein gemeinordnung bewilliget und verfassen lassen, welche dan alle aigenherren zuvorn abgelesen und domit wol zufriden gewesen; darauf ire herrschaft solche gemeinordnung zu Megeldorff publiciren und dann mit irem stadt-insigel bekreftigen lassen.

Wie dan auch herr Caspar Tetzel und her Wolff Löffelholz, als die am meisten underthonen

[fol. 1v]

doselbsten haben, für sich und von anderer aigenherren wegen gesezet. Darinnen sey ein punct des inhalts begriffen, das nimandt in der gemein seinen mist (reverenter zu melden) an frembde ort verkaufen, sondern denselben bey der gemein lassen soll und solches bey straf 63 d.

Nun hab es sich zugetragen, das Georg Prechtel, körbmacher zu Megeldorff, des e[rbarn] Caspar Tuchers alhier hindersaß, ungeferlich bis zu 6 fuder mists gen Weigelshof verkauft und also wider die ordnung streflich gehandelt. Derowegen hetten sie die straf von im begert und haben wöllen. Welcher sich aber derselben bißhero und sonderlich auß bevelch seines aigenherrens, des obgemelten Caspar Tuchers, widersetzet, mit dem furgeben, solche gemeinordnung were ohne sein vorwissen aufgericht worden, so er doch dieselbige an-

[fol. 2r]

fangs sowol alß alle andere aigenherren zu hauß gehabet, dieselbige gelesen und wieder in die landpflegstuben uberantwort, auch dabey vermeldt, das er wol domit zufriden sey, inmassen ein solchs denen in der landpflegstuben wol bewust ist.

Weilen der erstgemelter Tucher von seines einzigen köblers wegen in die ordnung ein loch zu machen begere, so ist der vierer zu Megeldorf underthenig bitten, ime ein solchs nicht zu gestatten, sondern vilmer aufzulegen, daß sein hindersas schuldig sey derselben ordnung. So wollen alle underthonen zu geleben und die verfallene straf zu erlegen. Den do man ime das gestatten, würden andere gleichfalls dieselbige ordnung brechen und zu wasser machen, und hetten alßdan die vierer nichts zu thuen, dann für und für umbzulaufen und des zwists zu versammen.

[fol. 2v: leer]

Schriftstück 2:

[fol. 1: leer]

[fol. 2r]

Ernvest, fursichtig, erbar und weiß gebietende günstige herren.

Des Jorg Listen und Hansen Simons, beder vierer zu Megeldorff, gethane ansag, darzu sy, wie ich vermerkhe, dem e[rnvest], f[ursichtig] und weise herren Joachim Nützel, des eltern gehaimen, und Wolffen Loffelholtz, des clainern raths gewisen worden, hab ich verlesen. Und khumbt mir darauß frembd fur, das eine gemeinordnung zu Megeldorff aufgericht, bewilligt, gesigelt und von Euer Fursicht und Herrschaft confirmiret worden sein sol, sintemal ich fur mein person, ungeacht das ich nur zwen underthanen daselbsten hab, bißhero khain wort davon gewust. Nun wissen Euer Hoheit und meniglich das dergleichen ordnungen also aufgericht und in das werk gesetzt werden müssen, das zuvorderst alle underthanen zusamen berufen, inen die meinung und furhaben entdeckt und alßdan, wo sy alle einich, an die aigenherrschaften. Und da es denen auch belibt, alßdan erst an die obrigkait umb dero gunstigen consens und bewilligen gebracht werden sol. Aber in disem fal, wie ich von meinen underthanen und sunst glaubwirdig bericht, ist solches nicht also gehalten worden, dan die gemein deßwegen niemalß zusamen gefordert, noch das geringste davon furgelegt, sonder sind allererst da alle sachen nur durch irer drey oder vier, und die furnembsten auß der gemein, mit hilf und rath irer aigenherrn und der schreiber in der landpflegstuben

[fol. 2v]

nach irem vorhab und zu unterdruckung der armen, verricht, zur publication und eroffnung ervordert worden. Dem aber meine underthanen und andere sunderlich (reverenter zu melden) deß mists halben, indeme sy zum hechsten gegen dem leykauf beschwerd, da er inen die vermainte ordnung furgelesen, alßbalden widersprachen, und darin khaineswegs consentiren wollen, wie sy dan, wan sy und andere darumb zu rede gehalten werden, guten bericht thun werden.

Das aber gedachte landschreiber itzt furgeben, das ichs zuvor gelesen und damit zufriden gewesen sein solle, welches der ungrund ist, dan ich mich fur mein person in warheit nit erinnern khan, das ichs beihanden gehabt oder gelesen het, so weiß ich auch von kheinem puncten, so in solcher ordnung steht, auserhalb das die vierer von wegen des mist meinen underthan, den Jorg Prechtel, beclagt haben. Da haben sy sich auf die ordnung gezogen, welches mir ist frembd gewesen, und von inen begert, mich dieselben sehen zu lassen. Welches sy acht tag hernach gethan, hab aber nichts darinen gelesen, sonder inen dieselbich alßbalden widerumb zugesteldt, allein hab ich gesehen, das Euer Hoheit insigel ist daran gehangen. Wer umb solche siglung supplicirt und sich underschriben, das mocht ich wol wissen.

[fol. 3r]

Dan im namen der gemein khan es nicht wol sein, dieweil der merer thail umb solche ordnung nicht, noch vil weniger alle aigenherren, davon gewußt haben. Ich khan aber erachten, es sey solche durch den Carl Tetzel, Wolf Loffelholtz, landpflegschreibern, und andere, die ire velder selbst pauen, geschehen. Und nimbt mich von den zwayen siglen wunder, das sy im namen aller aigenherren gesigelt haben, da sy doch mit der warheit khainer sagen khan, das sy meinen willen darzu gehabt oder von mir angesprochen und gebeten worden. Und het vermaint, sy alß herren des clainen raths solten ire genauen pflicht bedacht und nicht also in den wind irer underthanen zuguth, aber dem gegenthail zu schaden hinein gesigelt haben.

Es ist auch den landschreibern nicht wenich verruflich, dergleichen ordnungen auf einen oder zwayer aigenherren oder derselben underthanen angeben zu schreiben, sonder hetten billich die aigenherren zusamen gefordert, die inen wol bewust gewesen, und dasselbich zuvor furgehalten, und so sy werden zu finden gewesen. Das alßdan dasselb wer auf das papir gebracht worden, den aigenherren zu hauß geschickt, dasselbich lesen underschreiben und mit iren petschaften bekreftigen lassen sollen, wie sy das alß der gleichen sachen viel haben, und sunst an andern orten also ist gehalten worden.

[fol. 3v]

Das ist aber alda alles wider die billichkait verbliben und hinderrucks meiner geschehen, und dieweil dan dem allem in warheit also und die ordnung nur muß dahin gericht sein (dan ich nicht waiß, wie es laut, dieweil es in disem puncten unrichtig ist, so werdt es sich nicht falhen, die andern werden auch nicht durchauß lauter sein), damit die reichen und vermoglichen paurn, die viel velder haben, auch die burger, so ire velder selbst pauen, den mist von den armen köblern nach irem gefallen und nemlichen fuder mit zweyen pferdten umb 36 d. und eins mit dreyen pferdten umb 48 d. erjagen. Da sy doch hergegen fur das erste mal 1/4 fl. und das ander 1/3 fl. mehr haben mogen, darzu sy sich in khainen weg verbinden oder einlassen, noch ein solche diensbarkhait auf sich laden khunden und wollen, so wil mir auch selbst in kraft meiner lehenspflicht nit geburen, dergleichen beschweungen auf meine gutter schlagen zu lassen, wurde mir auch solches gegen dem lehnherrn zu verantworten schwer fallen.

Das aber mein underthan den mist frembden verkauft hat, dasselbich ist er gestendig und vermeldt, das er neben anderen in solche ordnung nicht bewilliget hab, so hab man in auch darzu drungen von wegen der steuer, dan er dazumal nicht sey bey geldt gewesen, und one das verkaufen er die steuer nit erlegen het khunnen.

[fol. 4r]

Derhalben so gelangt an Euer Fursicht und Hoheit mein sowol auch meiner underthanen unterthenige bitt, die clagenden furer mit irem begern, wie auch gleichfalls irer vermeinten ordnung, darin ich meinesthails ungeacht was die schreiber in der landpflegstuben, das solches mit meinen wissen geschehen, furgeben, und sich selbsten zu zeugen anerbiten, indeme es dan meine underthanen bey unsern gerechtigkhait und freyerhand lassen bleiben. Dan was meinen underthanen sunst gegen Euer Hoheit alß der sachen obrigkhait und der gemain wie mit alters herkhommen geburt, indeme solle es iresthails nit ermangeln, sonder von mir zu aller billigkhait gewisen worden, denselben mich hiemit underthenig bevelhend,

E[uer] E[rnvester] F[urstlicher] E[rbarer] W[eisheit]

gehorsamer

Caspar Tucher

[fol. 4v]

Kanzleivermerke:

Caspar Tucher

28. July 1596

An heut hat her Jacob Tucher starck diß hendelein herein in di landpflegstuben getragen, welchs bei meinen herren nit gelassen worden, solls also ers lassen, 25. october anno 1597.


1 Stadtarchiv Nürnberg A 26, Rep. 100g, Nr. 241, Schriftstück 1.

2 Stadtarchiv Nürnberg A 26, Rep. 100g, Nr. 241, Schriftstück 2.

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