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Episoden der Mögeldorfer Geschichte 

Heftausgabe April 2019

 

6. Folge: Der Mögeldorfer Schulstreit 1827 (Teil 1

Bis zu seinem Tod im 75. Lebensjahr am 17.1.1823 hatte Johann Schultz 37 Jahre lang die Schullehrerstelle in Mögeldorf versehen. Mit seinem Tod fiel ein Umstand auf, den bis dahin noch niemand bemerkt hatte: Für 160 schulpflichtige Kinder sahen die Vorschriften zwei Lehrer vor und nicht nur einen Lehrer und einen Gehilfen; zudem wäre mit zwei Lehrern künftig auch Ganztagsunterricht möglich anstatt, wie bisher, nur halbtags, vormittags für die älteren und nachmittags für die jüngeren Kinder.

  

Die Schulgemeinde wehrte sich mit Händen und Füßen: Die Lokalschulkasse war leer, die Gemeinde verarmt und konnte nicht noch höhere Lasten für die Schule tragen. Nach langem Hin und Her zwischen der Gemeinde, ihrem Pfarrer Merz (als Lokalschulinspektor) und der Regierung des Rezatkreises (heute Mittelfranken) wurde die Stelle neu besetzt, gegen den Willen der Gemeinde mit zwei Lehrern: dem Lehrer Johann Balthasar Adelhard, der zugleich die Kantor- und Mesnerdienste für die Mögeldorfer Kirche zu versehen hatte, und dem Hilfslehrer Johann Leonhard Philipp Schmidt.

  

Kein guter Start für die beiden neuen Lehrer! Schon bald begannen die ersten Streitigkeiten, und eine Abordnung der Eltern wandte sich beschwerdeführend an das Landgericht. Ihre Beschwerden richteten sich gegen die Zuchtmethoden des Lehrers Schmidt, aber auch gegen den Lehrplan: das Lesenlernen nach der modernen Lautier- statt nach der herkömmlichen Buchstabiermethode, das frühe Schreiben- und Rechnenlernen statt erst im 10. und 12. Jahr, wie sie es gemacht hatten, und schließlich den „Unfug“ des Naturkundeunterrichts. Lehrer und Lokalschulinspektor beschwerten sich ihrerseits über das Verhalten Mögeldorfer Eltern.

  

Das Landgericht verwies beiden Seiten ihre Übergriffe, konnte die Gemüter aber nicht beruhigen. Die Situation spitzte sich zu. Schließlich bat Schmidt am 4. Februar 1827 die Regierung des Rezatkreises um Versetzung an eine andere Schule. Mit zehn Klagepunkten über die Gemeinde begründete er seine Bitte:

 

1. Wegen der Verdorbenheit, Rohheit und Grobheit der meisten Gemeindeglieder.

2. Wegen Unreinlichkeit der Kinder, die so groß ist, daß sich selbst der Lehrer vor Ungeziefer nicht mehr zu retten weiß.

3. Wegen der Trägheit, Ungezogenheit und Widersetzlichkeit der Kinder gegen den Lehrer, mit Unterstützung ihrer Ältern, wenn sie zum Guten angehalten oder ihnen wegen ihrer Ungezogenheit und Trägheit nur zu strafen gedroht wird.

4. Wenn gestraft werden muß, welches bei einer solchen Klasse von Kindern unumgänglich nothwendig ist, die von früher Jugend an zu allen Ungezogenheiten und Lastern selbst von ihren Ältern angehalten werden; so erlauben sich die Ältern sogleich in und vor das Schulhaus zu kommen oder an allen öffentlichen Orten gegen den Lehrer die gröbsten Schimpf- und Schmähworte auszustoßen, ia ihn sogar mit Prügel und Totschlagung zu drohen.

5. Wird eine Anzeige bei der Polizeibehörde gemacht, so erhalten die Beklagten blos mündlichen Verweiß, und da sie nicht mit dem Kläger vor Gericht confrontiert werden, so wird ihren lügenhaften Ausreden mehr Glauben beigemessen als dem Anzeigebericht der königlichen Localschulinspection.

  

Und so weiter, bis zum zehnten Punkt:

Ist dem Hilfslehrer die Mögeldorfer Gemeindeglieder gehässig, weil sie solchen als die Ursache ansehen, daß sie mehr Schulgeld bezahlen müssen und ihnen Lehrer Adelhard versprach, wenn sie denselben wegbringen, so dürfen sie nur die Hälfte Schulgeld bezahlen. Bei den nahrungslosen Zeiten und bei der Verdorbenheit der meisten Gemeindeglieder ist man wegen 2 Xr wöchentlichen Schulgeld seiner Person auf der Straße nicht mehr gesichert.

  

Gemäß dem Dienstweg ging das Gesuch zunächst an die Lokalschulinspektion, Pfarrer Merz. Dieser fügte am 5. Februar 1827 seinen eigenen Bericht hinzu. Ihn empörten neben der Disziplinlosigkeit der Mögeldorfer Schüler und Eltern selbst vor allem die Übergriffe der Gemeindeverwaltung in Schulangelegenheiten und der mangelnde Schutz des Schulfriedens durch das Landgericht:

  

„Die hiesige Gemeinde – ein halbes Saeculum an den alten Schlendrian gewöhnt – ist seit der neuen Organisation der hiesigen Volksschule im Jahr 1824 allem Schulwesen, so wie überhaupt jeder neuen – wenn auch guten – Einrichtung gram, und darum feindet sie die Lehrer an derselben an, unterstützt die Kinder in der Widersetzlichkeit gegen dieselben, und gehet ihnen hierin selbst mit schlechtem Beispiele voran. Beschwerden, die von der Localschulinspektion beim k. Landgericht angebracht werden, werden wenig berücksichtigt, die von den Lehrern erlittenen groben und ehrenrührigen Beschimpfungen nur gelinde geahn(d)et, und die Lehrer erhalten am Ende selbst noch durch die Localschulinspektion einen schriftlichen Verweis als Hitzköpfe, welche ihre Leidenschaften nicht zu zähmen wissen, weil die lügenhaften Angaben der Beklagten zu viel Glauben beigemessen wird. – Die Gemeindeverwaltung hat die Meinung: die Schule und deren Lehrer stünden unter ihr, (…), und nun erlauben sie sich in ihrer Weisheit den Lehrern vorzuschreiben: Wie gelehrt werden müsse, und verklagen den Lehrer, wenn er nicht lehrt wie sie wollen, und das k. Landgericht nimmt diese Klagen an und dekretiert an die k. Localinsp(ektion), es wünsche, daß solchem Unfug (Lehre der Naturgeschichte und Naturlehre, worüber die Klagen erhoben waren) in der Schule gesteuert werden möge. (…)

  

Um unter eine Menge von 104 rohen Kindern, welche die Elementarklasse faßt, Ordnung zu erhalten, wird der Schulstock oder andere Strafen nicht entbehrt werden können. Nun will aber die Gemeindeverwaltung keine Strafen, wenigstens nicht bei den Knaben der Mitglieder derselben oder deren Vetterlein und Bäßlein, appliciert wissen; dagegen beschweren sich wieder die Knaben der Tagwerker, daß jene Vornehmen sich alle Ungezogenheit ungestraft erlauben dürfen, und so unterbleibt die Ruthe der Zucht und jede Disciplin ganz, und die rohe Masse bewegt sich in der Schule frey und nach Herzenslust und achtet selbst der Anwesenheit des Pfarrers nicht.

 

Daher suchen sie dem Schmidt sein Hierseyn auf alle mögliche Weise zu erschweren und zu verbittern, senden ihre Kinder nicht mehr zur Schule (weil Schmidt sie nicht buchstabiren, sondern lautiren läßt, weil er darauf dringt, daß sie das Aufgegebene lernen und sich Schreibbücher halten sollen), beschimpfen ihn und suchen ihm sein Amt namentlich auch dadurch, daß die kleinen Kinder ihm mit der Grobheit ihrer Eltern drohen, so sehr zu erschweren, daß er schon einigemale im Unmuth seinen Dienst verlassen und geradezu vor die k. Regierung gehen wollte.“ Ein Sonntagsschüler hätte ihn sogar schon einmal vor versammelter Kirchengemeinde geschlagen.

 

Forsetzung folgt ...

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  Horst-Dieter Beyerstedt| Letzte Änderung: 08.05.2019