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Vom Adler zum Löwen
Die Region Nürnberg wird bayerisch 1775 – 1835

Ein Besuch der Ausstellung
im Stadtarchiv Nürnberg - 22. September 2006

Der 1. Vorsitzende des Bürger- und Geschichtsvereins Mögeldorf e.V., Herr Wolfgang Köhler, begrüßte die geschichtsinteressierten Mögeldorferinnen und Mögeldorfer. Er bedankte sich bei dem Leiter des Stadtarchivs, Herrn Dr. Diefenbacher, für dessen Bereitschaft durch die Ausstellung zu führen. Anschließend begrüßte der Archivleiter die Anwesenden und verwies zu Beginn auf Archivalien, die für die Mögeldorfer Bürgerinnen und Bürger von Interesse sein könnten. So beschrieb er dem Stadtarchiv neu zur Verfügung stehende Urkunden aus dem Holzschuher´schen Archiv, in denen es um einen Herrensitz in Mögeldorf ging.

Zuerst muss man sich natürlich fragen, warum neben der Landesausstellung, die in der Tafelhalle stattfindet, nun auch noch eine Ausstellung des Stadtarchivs organisiert wurde. Die Landesausstellung ist aus der Sicht der gesamtstaatlichen Sicht gestaltet. Was diese Ausstellung nicht leisten konnte, soll hier in der Norishalle gestaltet werden. Die Archivalien stammen aus der Stadt Nürnberg, dem Nürnberger Land und dem Großraum Nürnberg. Es gab eine Kooperation mit dem Staatsarchiv Nürnberg, da ein Großteil der reichsstädtischen Urkunden dort aufbewahrt wird. Die Alt-Nürnberger Landschaft, der Geschichtsverein der Stadt Nürnberg, das Stadtarchiv Erlangen trugen dazu bei, dass mehrere Teilausstellungen, u. a. in der Stadtbibliothek, gezeigt werden können.

Die Ausstellung gliedert sich in vier Schwerpunkte. Der erste Zeitraum 1775 – 1794 beleuchtet die Zeit, in der für die Nürnberger noch alles einigermaßen in Ordnung war, der langsame Verfall sich aber trotzdem langsam abzeichnete, z. B. in den enormen Schulden. Diese Verschuldung hatte eine lange Vergangenheit. Auf dem Reichstag zu Worms wurde das Wormser Reichsmatrikel erlassen. Es ging um die Festsetzung der Reichssteuer, die für Nürnberg überproportional hoch ausfiel, da die Reichsstadt die florierendste Stadt im Reich war. Die Steuer entsprach der eines Kurfürstentums. Nach 1521, besonders nach dem 30-jährigen Krieg - also Mitte des 17. Jahrhunderts - war die Wirtschaftskraft nicht mehr so hoch, die Steuerforderungen wurden aber nicht gesenkt, da Preußen und Bayern dagegen waren.

In den 90-iger Jahren forderten die sog. Koalitionskriege der Stadt hohe Tributzahlungen ab. Die inzwischen angehäuften 10 Millionen Schulden waren aber keine Fremdschulden – Schuldner waren die eigenen Bürger, die noch wohlhabend waren, einige sogar sehr reich. Die stadttragende Schicht war nach wie vor das Patriziat, das sich von den Wirtschaftsdingen zurückgezogen hatte und die Stadt planwirtschaftlich steuerte. Die mittelalterliche Wirtschaftsverfassung hatte die Handwerker, die zwar offiziell keine Zünfte kannten, benachteiligt. Man war bestrebt möglichst keine Produkte von außen zuzulassen, rings um Nürnberg aber wurden Fabriken erlaubt, die preiswerter und genau so qualitativ hochwertig produzierten und zudem neue Wirtschaftszweige entwickelten wie Strumpfwirkerei oder den Tabakanbau. Die Handwerksverfassung war schlichtweg veraltet und nicht mehr konkurrenzfähig. Das Patriziat zahlte so wenig Steuern wie die Nicht-Besitzenden. Ein Nürnberger, der Handel trieb, zahlte für alle Handelsgüter, die er verkaufte. Der Unterschied zwischen Patrizier und Handelsherr betrug ungefähr das Vierfache. Der Große Rat, in dem die Handeltreibenden vertreten waren, war nicht mehr als ein Akklamationsinstitut und so forderten die Handelsherren im 18. Jahrhundert ein Mitspracherecht. Der angerufene Reichshofrat und der Kaiser entsprachen der dementsprechenden Klage nicht. Im Jahre 1785/86 war die Stadt zahlungsunfähig. Der Große Rat sollte einer Steuererhöhung zustimmen, er verneinte und forderte stattdessen ein Mitspracherecht. Im Jahr 1794 beschlossenen Grundvertrag bilden Patrizier, Handeltreibende und Handwerker paritätisch einen Rat. Das Rechnungsrevisionskollegium wurde neu eingerichtet, das prüfen solle, an welchen Stellen in Nürnberg gespart werden könnte. (Wer sieht hier keine Parallele zur heutigen finanziellen Lage unserer Kommunen?) Es wurde zwar fast täglich getagt, zwei, drei Ämter wurden zusammengelegt, aber die Schuldentilgung war nicht erfolgreich. So wurde die Arbeit dieses Kollegiums 1797 zwangsweise eingestellt, da der Kaiser in diesem Jahr stattdessen eine Subdelegationskommission eingesetzt hatte.

In den Jahren 1789 – 1794 waren als Folge der Französischen Revolution Unruhen in der Stadt zu verzeichnen. Es gab Gesellenaufstände, besonders bekannt aber blieb in Nürnbergs Geschichte der sog. „Eierkuchenaufstand“. Es war alter Brauch, dass die Nürnberger Bäcker zu Ostern Eierkuchen buken und ihren Kunden schenkten. 1794 wurde aufgrund des Mangels an Brotgetreide das Backen von Eierkuchen so teuer, dass sich die Bäcker weigerten, kostenlos Eierkuchen zu backen. Die Bürger stürmten die Backstuben und es wurden Eierkuchen gebacken, obwohl die Versammlungen mit Waffengewalt aufgelöst wurden.

In der zweiten Abteilung der Ausstellung, die sich mit der Zeit von 1794 – 1806 befasste, wird auf die Reformansätze hingewiesen. So wurde u. a. das Schulwesen reformiert, Armenschulen wurden errichtet, um vor allem die unteren Bevölkerungsschichten an Bildung heranzuführen. Die äußeren Spannungen nahmen ab 1790/91 zu, die sich wiederum auf Geschehnisse vor über 200 Jahren bezogen. In den Jahren 1504/05 hatten die Nürnberger infolge des Landshuter Erbfolgekriegs Ämter der Wittelsbacher besetzt, so Hersbruck Lauf, Altdorf, Betzenstein. Die pfälzischen Wittelsbacher begannen 1790/91 Teile dieser Ämter zu erobern bzw. zu besetzen, Nürnberg konnte sich nicht wehren, weil es nicht über eine entsprechende Waffengewalt verfügte.

1791/92 übernahm das Königreich Preußen die hohenzollerischen Fürstentümer Ansbach und Bayreuth und erhob Anspruch auf die früheren Landgebiete, in denen die Hohenzollern nach dem Vertrag von 1427 (Räumung der Stadt Nürnberg durch die Hohenzollern) die Hochgerichtsbarkeit behalten hatten. Als Ansbach und Bayreuth preußisch geworden war, war es Hardenberg, der weitere Gebiete besetzen lässt, u. a. das Alte Land um Nürnberg herum, darunter auch Mögeldorf. Preußen steht quasi vor Nürnbergs Haustür: Neben Mögeldorf auch etwa Gostenhof, St. Johannis, Wöhrd. Überbleibsel der „preußischen Zeit“ ist das Hausnummernsystem, das 1792 eingeführt wurde.

1796 wurde – betrieben von den Nürnberger Handelsleuten im Großen Rat – eine Volksabstimmung durchgeführt, ob Nürnberg sich freiwillig Preußen anschließen würde. Mit großer, ja sehr großer Mehrheit – nämlich fast 90 Prozent der abgegebenen Stimmen – wurde dem zugestimmt. Abstimmungsberechtigt waren drei Tausend Männer (Frauen hatten ja damals bekannterweise noch nicht das Wahlrecht). Dem preußischen König wurde der Antrag vorgelegt – er lehnt ab. Nicht wegen der enormen Verschuldung, wie oft gemutmaßt wurde, sondern weil er außenpolitische Probleme befürchtete, so mit dem Kaiser und mit Russland. Russland war übrigens der einzige Staat, der gegen Napoleons Handlungsweise, den deutschen Kaiser zur Abdankung zu zwingen, protestierte. Im gleichen Jahr – 1796 – ging auch ein Teil der kulturellen Bedeutung Nürnbergs unter, denn die Reichskleinodien wurden wegen der Gefahr der Konfiszierung durch die Napoleonische Armee nach Regensburg verschafft, später nach Wien.

1803 wurde der Reichsdeputationshauptschluss erlassen. Die Mächte, die links-rheinischen Besitz hatten, die von Frankreich erobert worden waren, sollten entschädigt werden. So wird München mit geistlichem Gebiet entschädigt. So mit dem Hochstift Bamberg, Eichstätt, Hochstift Regensburg, kleinere Städte. Nürnberg, hatte Glück, blieb wie Augsburg, Frankfurt selbständig, auch wie Bremen, Hamburg und Lübeck. In dieser Zeit gab es auch ein geheimes Abkommen zwischen Bayern und Ansbach. Preußen verhielt sich zunächst neutral, war also auch nicht auf der Seite Frankreichs. In der Schlacht bei Jena und Auerstädt, in der es Preußen allein mit Frankreich aufnahm, verloren die Preußen und wurden aus Franken hinausgedrängt. 1806 kam es zum Vertragsbruch, als Napoleons Vasallen das Nürnberger Landgebiet Bayern entgegen dem Reichsdeputationshauptschluß zusprechen.

In der dritten Abteilung der Ausstellung geht es um den 15. September 1806. Französisches Militär zieht auf, bayerische Heere ziehen in Nürnberg ein. Friedrich Karl Graf von Thürheim, der Generalkommissär für Franken, entließ den Nürnberger Rat und alle Amtsträger aus ihren Verpflichtungen gegenüber der Reichstadt Nürnberg. Er führt ein zentralistisches Regiment, Nürnberg hat keine Selbstverwaltung mehr. De facto war es Christian Wurm, der staatliche Polizeidirektor, der die Amtsgeschäfte in Nürnberg führte. 1808 wurde eine Munizipalverfassung erlassen, die Nürnberger verweigerten die Zusammenarbeit, weil alles, was die Munizipalversammlung erreichen will, von Wurm abgesegnet werden muss. Gegen diese Pseudofreiheit verweigern sich die Nürnberger Bürger. Einen gewaltigen Schlag stellte die am 2./3. November statt findende Versteigerung des gesamten Nürnberger Inventars dar, größtenteils nur zum Materialwert, der künstlerische Wert blieb außer Betracht. So wurde z. B. das Rathausgitter und sämtliche Gitter der Nürnberger Brunnen gleichsam für ein Butterbrot verhökert. Letzteres führte zu Protesten, denn diese Gitter sollten Tiere wie Hunde und Pferde von den Brunnen abhalten, nach der Abnahme wurden die Brunnen von den Soldaten als Tränke für ihre Pferde missbraucht und so als Trinkwasserbrunnen unbrauchbar. Daneben wurden viele Gebäude abgerissen, um Baumaterial zu gewinnen, z. B. Klosterkirchen, die nach der Säkularisation teilweise als Ämtergebäude der Stadt genutzt wurden: Barfüßerkloster, Dominikanerkloster. Besonderes Aufsehen erregte der Abriss der sog. „Alten Schau“, das Schauhaus, das die Nürnberger Münzen und die Güter prüfte, der Nürnberger Staatsschatz wurde dort aufbewahrt. Dieses Haus war für die Nürnberger ein Identifikationsbau – besonders provokant wurde der Neubau an der gleichen Stelle empfunden, in dem die Bayerische Hauptwache, also bayerische Soldaten, untergebracht wurde. Auch Kupferdachrinnen wurden von den Kirchen abmontiert, was dazu führte, dass es in die Kirchen hineinregnete und dort Schäden anrichtete. Insgesamt kann man sagen, dass es zu einer Verschleuderung reichsstädtischer Kunst kam!

1809 standen österreichische Truppen vor Nürnberg. Die Nürnberger hofften auf Unterstützung und setzten daraufhin ungeliebte Bayern, wie Wurm fest. Die Unterstützung blieb aber aus – die Österreicher ließen Nürnberg links liegen. Im gleichen Jahr werden der Pegnitzkreis (Sitz Nürnberg) und der Regnitzkreis (Sitz Ansbach) zusammengelegt. Ob diesen Unruhen zu verdanken ist, dass in Ansbach die Rechtsaufsichtsbehörde residiert, ist nicht unwahrscheinlich.

Der letzte Abschnitt der Ausstellung befasst sich mit der Zeit von 1818 – 1835. Das neue Königreich gab sich 1818 eine Verfassung, die vorbildlich war und als modern bezeichnet werden kann. Dem Gemeindeedikt von 1818 verdankt Nürnberg auch kommunale Hoheitsrechte, obwohl es bei der Münchner Staatskuratel blieb. Die Selbstverwaltungsrechte führten zu einem verstärkten Engagement der Nürnberger Bürger. Es kam zu einer Zwei-Gremien-Verfassung. Das Kollegium der Gemeindebevollmächtigten wählt den Magistrat. Dieser besteht aus dem Ersten und Zweiten Bürgermeister, den rechtskundigen Magistraten (hauptamtlich, entlohnt) und Bürgermagistraten, den ehrenamtlichen Magistraten.

Ein Höhepunkt der Ausstellung – auch in optischer Sicht - ist der erste Rechenschaftsbericht, der Finanzbericht der Gemeindebevollmächtigten. Er ist prachtvoll ausgestattet – der junge Heideloff hat sich hier verewigt und zeigt den Stolz der aufstrebenden Stadt. Erster Höhepunkt in der industriellen Entwicklung der Stadt bildet die Fahrt der ersten deutschen Eisenbahn im Jahre 1835. Ein erhaltenes Foto – übrigens das einzige, was noch vorhanden ist – wird in der Ausstellung ebenfalls gezeigt.

1821 wurde die erste Sparkasse gegründet, eine polytechnische Schule wurde eingerichtet. Nürnbergs Bürger besannen sich auf ihren handwerklichen Fleiß, ihr Geschick und ihre Handelstätigkeit. Nürnberg wird wieder zu einer Metropole des deutschen Reiches, sogar Europas. Der Zollverein -1834 eingerichtet – manifestiert dies.

Mit diesem glücklichen Aufstieg der Stadt in eine neue Epoche – nämlich der Industrialisierung – beschloss der Archivdirektor seine Ausführungen. Herr Köhler bedankte sich im Namen der anwesenden Mögeldorfer. Es bestand noch Gelegenheit Fragen zu stellen und die Ausstellung nochmals in allen Einzelheiten anzusehen.

Abschließend sei bemerkt, dass man diese Ausstellung jedem geschichtsinteressierten Bürger empfehlen kann, natürlich auch der überaus gut gestaltete Katalog ist überaus lesenswert.                                                       

 

Ute Köhler
 

 

letzte Änderung: 20.07.14

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